Projektionen

Im Alter von Dreizehn oder Vierzehn bekam ich einen Globus geschenkt. Warum beutzte ich ihn so gut wie gar nicht und nahm, wenn ich die Kontinente und Meere betrachten wollte, nach wie vor Lexika oder Atlanten zur Hand? Vielleicht, weil ich dort alles auf einmal sah? Dass diese Darstellungen sie zum Teil deutlich von denen auf dem Globus abwichen, bemerkte ich lange nicht. Weiterlesen

ein Gefühl

Über ein Gefühl nachdenken können, ist ein einzigartiges Privileg. Die Sorge, es dabei zu zerstören, halte ich für ebenso unbegründet wie die Erwartung, es mit Gedanken vertiefen oder gar kontrollieren zu können, denn ein Gefühl ist ein viel komplexeres Gebilde als ein Gedanke. Mit ihm erst lebt mein Körper, das vermeintliche Hirngefäß, und lässt die Welt in mich hinein. Weiterlesen

zwei Zukunftsretter

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In seinem Projekt „Instituto Terra“ rekonstruiert Sabastião Salgado seit 1999 auf einer Fläche von 600 Hektar Atlantischen Regenwald. Salgado, der Wirtschaftswissenschaft studierte, bevor er als Fotograf mit Bildbänden wie „Workers“, „Exodus“ oder „Migranten“ weltweit bekannt wurde, tut das gemeinsam mit seiner Frau Lélia, ihrem Sohn Juliano und weiteren HilfReichen auf der Bulcão Farm bei Aimorés. Die 450 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro gelegene Familienfarm war wie viele in der Region Ende des vorigen Jahrhunderts durch rücksichtslose Viehhaltung verwüstet. Der Boden war ausgedörrt, das Wasser verschwunden und mit ihm ein üppiger Bewuchs samt allem, was in ihm hauste. Weiterlesen

Selbstzufriedenheit

Unser bisheriges Wohlstandsmaß, das Bruttonationaleinkommen (früher Bruttosozialprodukt) scheint immer unzureichender abzubilden, wie wohl wir uns tatsächlich fühlen. Das liegt zum einen daran, dass die Endprodukte und Dienstleistungen, die wir produzieren, immer ungleicher verteilt werden, ohne dass es einen einzigen vernünftigen Grund dafür gäbe. Zum anderen richten wir mit dem Geschaffenen und Geleisteten inzwischen so viel Unheil an, dass, statt unser Wohlbefinden auszuweiten, ein immer größerer Teil des BNE aufgebracht werden muss, um die angerichteten Schäden wieder zu beseitigen. Weil der Mensch ein UnTier ist? Auf jeden Fall ist er mehr als der Homo oeconomicus, zu dem er (sich) im Kapitalismus degeneriert. Will aber vor allem zufrieden sein! Wenigstens in Frieden ruhn. Weiterlesen

Biennale di Venezia IV

Etwas ganz anderes gelingt Anne Imhof. Im Berliner Hamburger Bahnhof, heute ein Museum für Gegenwart, habe ich vor einem Jahr einen Teil ihrer multimedialen Performance „Angst II“ erlebt. Mutig hatte sie dort, mit dem Kunstpreis der Nationalgalerie im Rücken, eine zuvor in Basel inszenierte ‚Oper‘ fortgesetzt. Mit Tänzern und Tieren, mit Schall und Rauch hatte sie den mächtigen Raum vermessen und mit Bedeutung gefüllt, mit jungen schönen androgynen Menschen, die sich darin in einer Mischung aus Choreographie und Improvisation bewegten. Es war faszinierend, nur Angst hatte ich in keinem Moment.

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Biennale di Venezia III

Die Beschreibungen nationaler Präsentationen sind nicht wertend gemeint. Sie sollen das Spektrum zeigen und die vielfache Nähe der Arbeiten zu aktuellen Ereignissen und Befindlichkeiten, die auf bevorstehende Veränderungen in der Gesellschaft aber auch des Individuums deuten. Nichts wird bleiben wie es ist und das Absehbare gibt Anlass zu großer Achtsamkeit und Sensibilität. Ich habe den Eindruck, dass das weltweit erkannt und kaum noch verdrängt oder überspielt wird, sondern ein hauptsächliches Anliegen dieser Schau ist. Sie kommt meiner Idee nahe, in der Vielfalt Ähnlichkeiten zu finden, sie in realen oder virtuellen Räumen, auf ‚Plateaus‘,  zu versammeln, von da aus (global) miteinander zu kommunizieren und (global) verträglich zu handeln, im Gegensatz zu hierarchisch strukturierten Systemen, wo Macht dominiert und mit einer Herrschaftskultur (globale) Dominanz absichern will. Weiterlesen

Biennale di Venezia II

Welchen Eindruck das Anliegen der Kuratorin hinterlässt und wie mit ihm umgegangen wird, hängt maßgeblich vom Betrachter ab. Je nach seiner persönlichen Lage wird er das Vorgefundene wie einen vielfarbigen Coctail schlürfen, sich in einem Freiraum fühlen oder inmitten bedrohlicher Notwendigkeiten. Ich fühle mich über zwei Tage hin abwechselnd berauscht, befreit oder bedrängt. Weiterlesen