Jahresende

Wen oder was feiern wir dieser Tage?
Die gefahrenumgebene Hoffnung Bloch‘s
oder die schiere Zuversicht?
Die Flucht nach vorn oder den Blick zurück?
Die Reise deutscher Soldaten in ferne Kriege
oder die Ankunft von Flüchtlingen hier?
Das Internet in den Kinderschuhen
oder den Kapitalismus auf der Zielgeraden?
Veralterung im zerneuerten Abendland?
Oder all die Fragezeichen, die
‒ nach wie vor ‒
die Zukunft offen halten?

ein brandneues Testament

Es stimmt: Was ein Film wert ist, hängt nicht zuletzt von dem ab, der ihn sieht. In „Das brandneue Testament“ des Belgiers Jaco Van Dormael erlebe ich eine brillante Mischung aus Satire und Kreativität, aus göttlicher Komödie und menschlicher Tragödie und eine schallende Ohrfeige ins Gesicht aller Gut- und Gottgläubigen, denen der Monotheismus das Hirn verkrautet. Denn Gott ist nicht allein und war es nie. Weiterlesen

Kurban Said „Ali und Nino“ I

Eine „leidenschaftliche Ethnoromanze“ nennt die Internetausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ den Roman „Ali und Nino“. Seine Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte hält  der Verfasser des Beitrages für abenteuerlicher als den Roman selbst. Dieser erschien 1937 unter dem Pseudonym „Kurban Said“ in deutscher Sprache in Wien, ging während des Zweiten Weltkrieges verloren, tauchte in den 1970er Jahren erst als Rückübersetzung aus dem Englischen wieder im deutschen Sprachraum auf und erschien im Jahr 2000, Anlass des Artikels in „Die Welt“, in originaler Fassung im Ullstein Verlag. Weiterlesen

Politik

„Mich interessierte das Regieren: Wie führt man ein Land? Politik, also Menschen zu manipulieren, war uninteressant“, sagte der ehemalige französische Staatspräsident Valerý Giscard d’Estaign 2013 in einem Gespräch mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt.

Blickwechsel oder Ortswechsel

Immer wieder muss ich erklären, dass das Wort „Linkszeit“ kein ideologisches Bekenntnis ist, sondern, mit den Worten von Gilles Deleuze, die „Umkehr der Wahrnehmung von sich aus auf die Welt hin“ meint. Ohne diese Umkehr der Wahrnehmung werden wir immer nur versuchen, unsere „europäischen Privilegien“ zu verteidigen. Weiterlesen

wundern

Gestern hat mich eine gute Bekannte zum gemeinsamen wundern eingeladen. Auf dem Weg ins Leipziger Lukas-Café am Augustusplatz, wo man in einem Atrium in bequemen Sesseln oder Doppelsitzern stundenlang bei einer Tasse Kaffee zubringen kann, habe ich mir mit meinem manchmal sonderbaren Wortverständnis vorgestellt, dass es dabei nicht ums Staunen, sondern ums Wunder tun ginge, so wie es unsere Phantasie oder Verzweiflung gern irgendwelchen Heilern oder Heiligen unterstellt. Weiterlesen

Kermani in Leipzig

MOTIV 2015-10-21_01 Leipzig, Altes Rathaus, KermaniAm vergangenen Sonntag erhielt der Autor und Orientalist Navid Kermani in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels als, wie es in der Begründung des Stiftungsrats heißt, „eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft, die sich mehr denn je den Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft stellen muss, um ein friedliches, an den Menschenrechten orientiertes Zusammenleben zu ermöglichen“. Weiterlesen

Demokratie-Demonstration I

2015-10-10_08 Berlin, Spreeufer, TTIP-Demo

Ein Mitläufer bin ich nicht und deswegen ganz selten in Umzügen oder Versammlungen für oder gegen etwas zu finden. Hinzu kommt, dass die Ziele der Demonstrationen meist auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert werden, während die tatsächlichen Zusammenhänge viel komplexer und weitreichender sind. Weiterlesen

Mondfinsternis

MOTIV 2015-09-28_01 Leipzig, Mondfinsternis, 04.42

Meine kleine Nikon Coolpix hat sich große Mühe gegeben und heute Morgen 04:42 Uhr diese Farbenpracht aus dem erdverschatteten Mond und seiner Kraterwüste gezaubert. Wie schön erst muss die Erde aus seiner Ferne erscheinen.