Können wir die Verhältnisse ändern?

Es ist unstrittig, dass derzeit Systeme die Welt beherrschen, in denen (ökonomisches) Wachstum, (nationale) Konkurrenz und (egozentrische) Individualisierung die Menschheit als globale Gemeinschaft in Frage stellen. Aus ihnen erwachsen immer neue Wirtschaftskrisen, Hungerkatastrophen und Gewalttaten. Gleichzeitig wird das Wohlstandsgefälle zwischen und innerhalb von Staaten immer größer. Immer mehr Menschen haben immer schlechtere Aussichten auf ein zufriedenes Leben. Weiterlesen

willkommene Trauer?

Es sind schlimme Situationen, umso tragischer, je dramatischer die Umstände und je größer die Opferzahl, wenn sich Überlebende nach einer Naturkatastrophe oder Hinterbliebene nach folgenschwerem technischem oder menschlichem Versagen zu gemeinsamer Trauer zusammenfinden – so wie nach dem Flugzeugabsturz am gestrigen Dienstag in den französischen Alpen. Weiterlesen

eine besondere Begegnung I

Während ich im Jahr 2010 „Der Hass auf den Westen“ las, versuchte ich mir ein Bild von dem Menschen Jean Ziegler zu machen. Lange nicht mehr hatten Worte mich so ergriffen, und manches Licht war mir aufgegangen bei der Lektüre, bei der Entdeckung der geschichtsmächtigen Kraft, die er den ehemaligen Kolonialvölkern zuschreibt und inständig hofft, dass sie erwachen und die globale Weltordnung für eine lebenswerte Zukunft der Menschheit ändern mögen.

Zieglers Sätze sind frei von der heuchlerischen Friedfertigkeit, mit der wir ‚Westler‘ nur den eigenen Wohlstand meinen, wenn wir von Globalisierung sprechen. Aus Zieglers Sätzen spricht Mut zum qualifizierten Zweifel an der Ordnung, die wir der Welt aufdrängen und Mut zum rücksichtslosen Diskurs. 2015-03-13_04 Leipzig, Museum der bildenden Künste, Jean Ziegler vor Neo RauchDas flößte mir Vertrauen ein, so viel, um die Spur, die sie legen, aufnehmen und mit eigenen Schritten und Worten fortsetzen zu wollen.

Knapp fünf Jahre später ergab sich die Gelegenheit, Jean Ziegler zu begegnen. Unverdrossen und anscheinend sogar mit Vergnügen parierte er während der Leipziger Buchmesse im Museum der bildenden Künste unter dem Bild „Schilfkind“ von Neo Rauch aus dem Jahr 2010 die süffisante Arroganz des Rundfunkmoderators Thomas Bille, der ihn gern in der gut vorbereiteten Schublade der Kapitalismuskritik hätte verschwinden lassen, um für den Rest des Abends seine unverdiente Ruhe zu haben.Stattdessen nutzte Ziegler sein intellektuelles und menschliches Ausmaß, um mit dem neuen Buch „Ändere die Welt!“ sein Auditorium auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen: auf die Chance eines jeden, die Gegenwart bewältigen zu können, ohne sie vergewaltigen zu müssen; auf die Chance, die Zukunft gewinnen zu können, ohne sie besiegen zu müssen.

Den inzwischen Achtzigjährigen erlebte ich so, wie jemand sein muss, der so überzeugend schreibt: kraftvoll, gütig, geduldig, neugierig, zornig. So kraftvoll, dass er immer noch weit Jüngeren auf die Sprünge hilft. So gütig, dass Verwirrte und Verirrte ihm dankbar die Hände reichen. Geduldig genug, um sich den Schwierigkeiten auszusetzen, die sie ihm bereiten und eigenes Wohlbefinden hintan zu stellen. Neugierig wie eh und je auf jeden Mitmenschen und auf jeden seiner Versuche, die Zukunft offen zu halten. Uneingeschränkt zornig auf Ungerechtigkeiten und nimmer bereit, sich damit abzufinden.

Demokratie: jetzt oder nie?

„Jetzt oder nie – Demokratie“ ist der Titel eines Buches, mit dem im Herbst 1989 der Leipziger Forum Verlag entstand. Die euphorische Erwartung einer demokratischen Gesellschaft, die es in der DDR nur dem Namen nach gab und die ein halbes Jahr später, im vorvereinigten Deutschland, vor allem der D-Mark galt, ist inzwischen oft nur noch eine Floskel. Weiterlesen

Was kann Tsipras?

Ines Klitz: Sie meinen, was er ‚drauf hat‘?

Peter Madei: Ich meine, was Tsipras, eingebettet in einen Nationalstaat mit Wachstumsökonomie und die EU, ausrichten kann. Er ist ja angetreten, den Machtmissbrauch der EinflussReichen in seinem Land zu bekämpfen, die Verteilung des Wohlstands zugunsten der Oberschicht zu stoppen und die Geld- und Schuldenpolitik der EU-Staaten anzufechten. Weiterlesen