Ai Weiwei mit „Evidence“

Anzeichen, Befund, Bekundung, Beleg, Beweis, Beweismittel, Beweislast, Hinweis, Nachweis, Indiz, Zeugnis sind Übersetzungsvorschläge für das englische evidence. Sie alle finde ich aufbewahrt in der Ausstellung „Evidence“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, der Bilder, Bücher, Filme, Fotos, Skulpturen, Installationen und Bauwerke schafft, in denen er sich mit seiner (gesellschaftlichen) Umgebung auseinandersetzt. Um sich in ihr zu begreifen, um seine Koordinaten zu bestimmen, seine Position. Um sie zu behaupten und um sie in Frage zu stellen.

Das ist dieser Tage im Berliner Martin-Gropius-Bau zu erkunden, in den Ai WeiWei sich so gründlich eingearbeitet hat, dass mir nach dem Durchgang rätselhaft ist, wie er daraus restlos wieder entfernt werden könnte. Jeder Raum, jedes Objekt ist ein eindringlicher Hinweis auf die heiklen Zeiten, in denen wir leben und wie wiwr es können sollten oder müssen. "Stools"

Im behutsamen Umgang mit der menschlichen Dimension aber rücksichtslosgegen unsere Begierden und Ressentiments legt Ai Weiwei nach allen Regeln der Kunst den Finger dorthin, wo es am schmerzhaftesten ist, und, ohne Rücksicht auf (eigene) Verluste und Verletzungen, unsere Beweggründe offen. Mit welcher Kühnheit er Artefakten und Materialien zusetzt, sich mit ihnen anlegt, sie auslegt, sie ablegt oder anbringt, hat mich begeistert und dahin gebracht, wo ich viel zu selten bin: zur Besinnung.

6.000 Holzschemel aus der Ming- und Qing-Dynastie und der Zeit der Republik, die bei hunderttausendfachen Weggängen aus nordchinesischen Dörfern zurückgelassen wurden, arrangiert Ai Weiwei in „Stools“ im großen Lichthof, als hätten diese ausrangierten Ponderabilien auf nichts anderes in ihrem Schemelleben gewartet als auf die italienische Renaissance. Oder auf mich? Was für ein grandioser Einfall, sie in ein zweckloses Muster zu setzen und damit zu zeigen, wie schnell wir doch mit Anodnungen zufrieden sind oder die Geduld (mit ihnen) verlieren, wenn unter ihrer funktionaler Oberfläche die Zeit zum Vorschein kommt, die unsere eigene ist.

2.400 Straßenkilometer oder 150 Stunden lang ist der mit seinen Assistenten Liang Ye und Yang Zhichao und dem Kraftfahrer Wu geschaffene Video-Film „Bejing 2003“. Ein Auto, an das die Kamera fest montiert ist, durchfährt vom Autobahnkreuz Dabeiyao aus alle Straßen innerhalb des vierten Stadtringes. Der Künstler erläuterte den Film als einen „fast mathematischen, unemotionalen Weg, um die Ohnmacht der Menschen und die blinde Natur städtebaulicher Sanierung zu zeigen“.

86.633 Menschen starben 2008 bei einem schweren Erdbeben in der südwestchinesischen Provinz Sichuan oder blieben unauffindbar in den Trümmern, um ein Jahr später für tot erklärt zu werden. 5.335 Schüler starben, weil die Schulen, in denen sie sich während der Erdstöße aufhielten, schlecht gebaut waren. Ai Weiwei deckte mit seinen Helfern im Projekt „Bürgeruntersuchung“ gegen heftigen Widerstand der Behörden die skandalösen Hintergründe der Baumängel auf, in Einzelheiten nachzulesen in seinem inzwischen als Buch veröffentlichten Internet-Blog. Im Objekt „Forge“ wird aus der aus den Schul-Ruinen geborgene, deformierte Armierstahl in sinnloser Ordnung zur Dokumentation von Misswirtschaft und Korruption.

2008 erlaubten die Behörden der Stadt Shanghai dem Künstler, ein Atelier zu errichten. Als er es fertig hatte, war er ihnen mit seinen Recherchen und Untersuchungen dermaßen lästig geworden, dass sie es ohne Begründung vor seinen Augen niederrissen. „Souvenir from Shanghai“ ist ein mit absurder Sorgfalt aus den Hausresten geschichteter Kubus, in dem ein eingelagertes antikes chinesisches Bett den Eindruck eines verschlossenen Portals vermittelt und eine eigentümliche Feierlichkeit sich um das Gebilde legt, die auf mich überging, als ich den Raum betrat.Ai Weiwei

81 Tage dauerte die Inhaftierung Ai Weiweis im Jahr 2011, seit der er das Land nicht mehr verlassen und auch diese Ausstellung nicht begleiten darf. Begehbar installiert ist der „81“ benannte Nachbau seiner Zelle, in der er bei ständiger Beleuchtung inmitten sterilen Mobilars, das an Zimmer in psychiatrischen Anstalten erinnert, ohne jede Begründung verwahrt wurde. In keinem Moment der 81 Tage erlaubten seine persönlichen Bewacher mehr als einen Meter körperlichen Abstand zwischen ihm und sich.

Wenn Kunst heute eine Wirkung haben will, die in die Zukunft weist, dann muss sie sich meiner Überzeugung nach auf die Bloßstellung von Obrigkeit konzentrieren, die unentwegt Untertanen produziert und weltweite Ungleichgewichte, um sie uns auch noch als Notwendigkeit zu verkaufen. In dieser Weise agiert Ai Weiwei und transformiert mit seinen verstörenden Installationen und Projektionen die Tatbestände heraus aus abstrakten Kategorien in eine Zugänglichkeit, in der ich wieder Mut fasse, mich nicht länger gehen zu lassen.

Ein Gedanke zu “Ai Weiwei mit „Evidence“

  1. Das ist ein Thema, welches nur schwer beurteilt werden kann. Die Instrumentalisierung durch die „Eliten“ des aggressiven (westlichen) Hochkapitalismus läßt mich misstrauisch werden. Zuviel Krieg und Tod folgte denen die sich angeblich für Demokratie eingesetzt haben. Vielleicht tue ich Herrn WeiWei unrecht, aber eine Idee wie man 1,4 Mrd Menschen besser verwalten kann, habe ich von ihm noch nicht gehört. Dies nimmt nichts von der berechtigten Kritik an den Zuständen im modernen China weg. Nur wohin soll es denn führen?

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