Kurban Said „Ali und Nino“ II

Die Stadt Schuscha wurde 1752 vom Herrscher des Khanats Karabach Panah-Ali Khan als Festung Panachabad gegründet und später zum administrativen Zentrum des Khanats erhoben. 1805 wurde das Khanat Karabach von Russland unter Protektorat gestellt und verblieb darin bis 1917.

Bis dahin war Schuscha ein wichtiges kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Armenier und der Aserbaidschaner. Lange Zeit waren die Armenier in der Mehrheit. 1887 hatte die Stadt 25.881 Einwohner, davon 14 420 Armenier, 10 778 Aserbaidschaner und 359 Russen.

Im Wald um die Stadt, an der Quelle von Pechachpür, versammeln sich im Frühsomer des Jahres 1914 Christen und Mohammedaner, um die Nacht hindurch, um zahlreiche Feuer versammelt, gemeinsam zu feiern. Ali Khan ist an diesem Tag zu Gast bei Ninos Familie und Ninos Vater ist der „Tamada“ der Feier, der „Tischmeister“, der das Geschehen lenkt und Trinksprüche ausbringt.

„In seiner Hand hielt er einen Kelch und trank mir zu. Ich nippte am Glas, obwohl ich sonst nie trinke, aber es ist unhöflich, nicht mitzutrinken, wenn der Tamada es verlangt.“

Dann trinkt er einem Greis zu, den er Dadiani nennt.

„Ich sah Nino an, die neben mir saß. Sie sprach mit dem grauhaarigen Didiani. So gehörte es sich. Dem Alter die Achtung. Der Jugend die Liebe.

‚Sie Müssen einmal zu mir kommen, auf mein Schloss  Zugdidi‘, sagte der Greis, ‚am Flusse Rion, an dem einst die Sklaven der Medea das Gold in Vließen einfingen. Kommen Sie mit, Ali Khan. Sie werden den tropischen Urwald Mingreliens sehen mit seinen uralten Bäumen.‘

‚Gerne, Durchlaucht, aber nur Ihretwegen, nicht der Bäume wegen.‘

‚Was haben Sie gegen die Bäume? Für mich sind sie die Verkörperung des vollendeten Lebens.‘

‚Ali Khan fürchtet sich vor Bäumen wie ein Kind vor Gespenstern‘, sagte Nino.

‚Es ist nicht so schlimm. Aber was Ihnen die Bäume sind, ist für mich die Wüste.‘

Dadiani zwinkerte mit seinen kindlichen Augen. ‚Die Wüste‘, sagte er, ‚fahles Gebüsch und heißer Sand.‘

‚Die Welt der Bäume verwirrt mich. Sie ist voller Schrecken und Rätsel, voller Gespenster und Dämonen. Der Blick ist eingeengt. Es ist finster. Die Sonnenstrahlen verlieren sich im Schatten der Bäume. Alles ist unwirklich im Zwielicht. Die Schatten des Waldes bedrücken mich, und ich werde traurig, wenn ich das Rascheln der Zweige höre. Ich liebe die einfachen Dingen: Wind, Sand und Gestein. Die Wüste ist einfach wie ein Schwerthieb. Der Wald kompliziert wie der Gordische Knoten.‘

Dadiani sah mich nachdenklich an. ‚Sie haben die Seele eines Wüstenmenschen‘, sagte er, vielleicht gibt es nur eine richtige Einteilung der Menschen: in Waldmenschen und Wüstenmenschen. Die trockene Trunkenheit des Orients kommt von der Wüste, wo heißer Wind und heißer Sand den Menschen berauschen, wo die Welt einfach und problemlos ist. Der Wald ist voller Fragen. Nur die Wüste fragt nichts, gibt nichts und verspricht nichts. Aber das Feuer der Seele kommt vom Wald. Der Wüstenmensch hat nur ein Gefühl und kennt nur eine Wahrheit, die ihn ausfüllt. Der Waldmensch hat viele Gesichter. Der Fanatiker kommt von der Wüste, der Schöpferische vom Wald her. Das ist wohl der Hauptunterschied zwischen Ost und West.‘“

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