Kurban Said „Ali und Nino“ I

Eine „leidenschaftliche Ethnoromanze“ nennt die Internetausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ den Roman „Ali und Nino“. Seine Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte hält  der Verfasser des Beitrages für abenteuerlicher als den Roman selbst. Dieser erschien 1937 unter dem Pseudonym „Kurban Said“ in deutscher Sprache in Wien, ging während des Zweiten Weltkrieges verloren, tauchte in den 1970er Jahren erst als Rückübersetzung aus dem Englischen wieder im deutschen Sprachraum auf und erschien im Jahr 2000, Anlass des Artikels in „Die Welt“, in originaler Fassung im Ullstein Verlag.

Im kaukasischen Baku lieben sich im frühen 20. Jahrhundert der Muslim Ali Khan Schirwanschir und die Christin Nino Kipiani. Bis dahin hatte die Stadt, in deren Nähe 1873 die erste Ölquelle erschlossen wurde, sich schneller als London, Paris oder New York bevölkert. Die einheimischen Aserbaidschaner wurden im Zustrom von Russen, Georgiern, Juden, Ukrainern und allerlei Abenteurern unversehens zur Minderheit. Der ältere Bruder von Ludvig und Alfred Nobel gründete in Baku die Ölgesellschaft Nobel Brothers Petroleum Producing Company und 1901 lieferte Baku die Hälfte des weltweit benötigten Erdöls.

Ali und Nino, Kinder wohlhabender Familien und durchaus d’accord mit ihren tief in der Geschichte verwurzelten Traditionen, geben sich entlang der Tangente am östlichen und westlichen Kultur- und Religionskreis ihrer Liebe hin und mehr noch. Sie setzen sich über die eindringlichen Einwände ihrer einflussreichen Angehörigen hinweg, heiraten und leben diese Entscheidung auf dem Grund einer tiefen Leidenschaft konsequent und unbeirrt. Die Handlung des Romans setzt vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein und endet mit dem Übergriff der Russischen Revolution auf die Stadt. Das widerständige Leben der Liebenden hat keine Chance.

Als Autoren gelten Elfriede Leopoldine Ehrenfels, geborene Bodmershof (die zweite Frau des österreichischen Anthropologen und Orientalisten Umar Rolf Baron von Ehrenfels, seinerseits Sohn des Philosophen Christian von Ehrenfels) und der Moslem oder zum Islam konvertierte Jude Lev Nussimbaum alias Essad Bey sein (der ein „kluger Exzentriker, produktiver Autor, geschätzter ‚Ost-Experte‘ und rastloser Selbstdarsteller“ gewesen sein soll, „schillernd“ oder gar „gefährlich“).

Der amerikanische Journalist Tom Reiss hält dagegen jenen Essad Bey für den wahren Kurban Said. Der Baronin schreibt er zwar einen großen Anteil am Entstehen des Romans zu aber nicht die Autorschaft. Sie habe vor allem eine „Tarnrolle“ für Essad Bey übernommen und 1938 und 1939 mehrfach Tantiemen für das Buch an ihn weitergeleitet, „den es auf der Flucht vor der Gestapo ins italienische Exil verschlagen hatte“.

Dass der Roman minder interessant als seine Begleitumstände wären, kann ich nach der Lektüre nicht sagen. Ich will den großen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, die ihre Väter und Vorväter, die Urheber der heutigen westlichen Welt, so trefflich seziert haben, nicht zu nahe treten, aber sowohl sprachlich als auch inhaltlich ist „Ali und Nino“ ein hoch moderner Roman und bestürzend nahe an den Ursachen für Ereignisse, die uns momentan aus heiterem Himmel zu überrollen scheinen.

Als es darum geht, für den russischen Zaren in den in Europa entfachten Krieg zu ziehen, gibt der noch von jugendlichem Ungestüm durchdrungene Schiit Ali Khan eine erstaunliche Begründung für seinen Entschluss, in Baku zu bleiben.

„Auch ich will in den Krieg, mein ganzes Wesen sehnt sich nach der freien Luft eines blutigen Gefechtes, nach dem abendlichen Rauch eines großen Schlachtfeldes. Krieg – ein herrliches Wort, männlich und stark, wie ein Lanzenstich. Und dennoch: Ich bin alt geboren, mit jahrhundertealtem Gehirn. Dieser Krieg geht mich nichts an. Ich habe da keinen Sieg zu erkämpfen. Ich muss hierbleiben für den Tag, da der Feind in unser Land, in unsere Stadt, in unseren Erdteil einrückt. […] Denn dumpf fühle ich es: Wer immer in diesem Kriege siegt, eine Gefahr zieht heran, eine Gefahr, die größer ist als alle Eroberungszüge des Zaren. Ein Unsichtbarer ergreift die Zügel der Karawane und will sie mit Gewalt aufneue Weideplätze, auf neue Wege lenken. Es können nur die Wege des Westens sein, die Wege, die ich nicht gehen will. Deshalb bleibe ich daheim. Wenn der Unsichtbare gegen meine Welt anrennt, dann erst werde ich zum Schwert greifen.“

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