allgemeine Verunsicherung

Anfang und Ende jedes Allgemeinen ist konkret. „Erste Allgemeine Verunsicherung“ nannte sich in den 1970er Jahren eine österreichische Pop-Rock-Band. Der Name war nur ein Gag und bezog sich auf eine lokale Versicherungsgesellschaft. Er sollte der Band die Tür zu einer lukrativen Popularität öffnen helfen und nebenbei vielleicht ein wenig am (musikalischen) Establishment kratzen. Spielerei.

Das Ende unserer allgemeinen Verunsicherung wird weniger lustig sein. Vielleicht kommt es so rasch, dass uns die Luft wegbleibt, die nötig wäre, um sie als Endzeitgefühl zu begreifen und in vollen Zügen auszuleben, denn es stellt, das ist meine These, wie kein vorheriges unsere Zukunft in Frage. Anscheinend hat sie äußere Ursachen:

Den Auseinanderfall Europas.

Nach zwei verheerenden Weltkriegen im letzten Jahrhundert schien auf unserem Kontinent (zunächst in den westlichen und südlichen Regionen und dann, nach dem Zerfall des Ostblocks, auch dort) der Wille um sich zu greifen, gemeinsame Interessen verknüpfen und eine Identität finden zu wollen, in der sich Konflikte auflösen lassen. Allerdings stellte sich bald heraus, dass nicht das Wohlergehen der Allgemeinheit die treibende Kraft war,  sondern die Entgrenzung von Macht und die Bereicherung von Minderheiten. Die Mehrheit litt von Anfang an unter einer fiskalischen und ökonomischen Expansion, vor allem aber litt die Demokratie. Politiker und eine bereitwillige Helferschaft entkernten sie zur leeren Hülse.

Die Ankunft im Kapitalozän.

Wir verherrlichen ein Wachstum, das die Lebensbedingungen auf dem gesamten Planeten rapide verschlechtert. Während in den Industriestaaten die Menschen, teilweise schlechten Gewissens, teilweise rücksichtslos, weit über ihre Verhältnisse leben, mehren sich im Rest der Welt für Hunderte von Millionen Menschen die existenziellen Notlagen. Fahrlässig und vorsätzlich wird von den Wohlstandsregionen aus ein Verteilungskampf inszeniert, der ein völlig inakzeptables Reichtums- und Armutsgefälle hinterlässt, in dem lebensnotwendige Gleichgewichte verloren gehen. Erst beginnende Flucht- und Wanderungsströme sind eine Gegenbewegung, die (seit den Anfängen des modernen Kolonialismus im 14./15. Jahrhundert) jetzt zum ersten Mal ihre Verursacher bedrohen.

Die Auflehnung dagegen.

Immer häufiger gewalttätig sind die verzweifelten Reaktionen auf Staats- und Wirtschaftsmächte, die neben vielen nützlichen Dingen vor allem Ungleichheit und Rücksichtslosigkeit, Neid und Gier produzieren. Dabei bedienen sich die Akteure der gleichen technischen Netzwerke wie legalisierte Geheimdienste und Eingreiftruppen. In ihrem verbissenen Kampf gegen den Aufstand der Ohnmächtigen bleibt die Demokratie endgültig auf der Strecke.

Eindringende Fremdheit.

Zum Beispiel die Sizilianer haben, sagen sie, im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte den Islam als die moderateste aller Fremdherrschaften erlebt und nicht etwa die bürokratische Europäische Union Brüsseler Prägung. Könnte er (welch ketzerischer Gedanke!) in gewisser Weise not-wendig sein, um den erschreckenden Kulturverfall in unserer Spaßgesellschaft aufzuhalten und die globalen Schäden, die er verursacht, einzugrenzen? Ist die Trennung von Religion und Staat, wenn wir diese Begriffe mit neuen Erfahrungen füllen, wirklich ein Fortschritt?

Aber all diese verschiedenen äußeren Ursachen haben ihren gemeinsamen Grund in uns! In jedem von uns. Jedenfalls sind wir es und nicht irgendwelche Anderen, die den solidarischen Zusammenhalt aufs Spiel setzen und das Glück in Besitzständen finden wollen, anstatt in Lebensweisen zugunsten basisdemokratischer Gemeinschaften. Gleichzeitig wächst unser Verständnis für komplexe Zusammenhänge und unser Zweifel, sie mit unseren bescheidenen Mitteln vorteilhaft, das heißt zukunftsfähig, gestalten zu können.

Daraus entsteht unsere allgemeine Verunsicherung: Aus dem Begreifen, dass wir ehrlicherweise niemandem eine Schuld zuweisen dürften, sofern nicht ebenso uns selbst. Und dass wir demnach auch keine Konsequenzen einfordern können, ohne sie erst einmal selbst zu ziehen. Wollen wir uns die Mühe machen? Haben wir dafür den Mut? Das sind die (Weiterlebens)Fragen. Aus den Antworten, wenn wir welche finden, könnten wir wieder Sicherheit gewinnen.

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