auf der Flucht

Ines Klitz: Ich bin erstaunt.

Peter Madei: Worüber?

IK: In Ihrem Essay „Der Club of Rome und meine Liebe zur sphärischen Geometrie“ …

PM: Der auf diesem Blog am Ende der „Vita“-Seite gelesen werden kann …

IK: Da steht: „Das Meer wird sich nicht teilen müssen, damit die erbärmlichen Schaluppen entbehrlich werden und Millionen ins kontinentale Europa strömen, um dort den Staatsgewalten die scheinheiligen Demokratiegewänder von den Wohlstandsleibern zu reißen und alle, die über ihre Verhältnisse leben, in die globale Realität zu befördern.“ Das haben Sie wann geschrieben?

PM: 2012.

IK: Darüber bin ich erstaunt.

PM: Ich hatte zuvor die richtigen Bücher gelesen.

IK: Zum Beispiel?

PM: Zum Beispiel „Der Hass auf den Westen“ von Jean Ziegler, „Politische Gerechtigkeit“ von William Godwin, „Mediacontrol“ von Noam Chomsky, „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome“ von Jorgen Randers. Dazu die „Dialektik der Natur“ von Friedrich Engels, Kapitel 24 im Band 1 des „Kapital“ von Karl Marx und das „Abécédaire“ von Gilles Deleuze.

IK: Und jetzt?

PM: Wird guter Rat immer teurer. Das Problem mit den Flüchtlingsströmen, das offiziell nur ‚Herausforderung‘ genannt werden darf …

IK: Woran sich die Wortberichterstatter gehorsam halten …

PM: Victor Klemperer hat 1947 in seiner Schrift „LTI“ anhand der Sprache des Dritten Reiches auf brillante Weise die katastrophale Weltanschauung der Nazis bloßgestellt. Es ist höchste Zeit, dass mit gleicher Sorgfalt die heutige Sprache unserer Politiker und Staatsverwalter auseinandgenommen wird, um die Heuchelei und die verkommene Demokratie in Deutschland und im gesamten wohlhabenden Westen Europas ans Tageslicht zu bringen.

IK: Im Klartext ist die Kacke am dampfen.

PM: Das Wort „Völkerwanderung“ trifft am ehesten die Vorgänge. Der Begriff bezeichnet besser als „Flüchtlingsströme“ die massenhafte Bewegung von Menschen aus prekären Regionen via Europa. Gründe sind Naturkatastrophen, Überbevölkerungen, Kriege und Verelendung.

IK: Hinzu kommt der Klimawandel, den nur noch die starrsinnigsten Wissenschaftler allein der Natur zuschreiben.

PM: Die Folge ist lebensbedrohliches Elend für große Teile von Bevölkerungen und ein besseres Leben ist nicht in Sicht.

IK: Dann wäre es nicht nur geografisch sondern auch historisch schlüssig, dass die Flüchtlinge sich hier einfinden?

PM: Wo sonst lägen die Ursachen für ihre aussichtslosen Lebenslagen? Allerdings sind sie gut versteckt in vergangenen Jahrhunderten, in geopolitischen Strategien, im vielgepriesenen Fortschritt. Offensichtlich können wir das nicht eingestehen, uns nicht und erst recht nicht denen, die da kommen.

IK: Demnach sind wir auf der Flucht?

PM: Vor unserer inzwischen unerträglichen Verantwortung, die wir mit aller politischen und ökonomischen Macht jahrhundertelang auf unserem Kontinent angehäuft haben. Vor der unerhörten Blutspur, die wir seit Jahrhunderten durch die Geschichte ziehen. Vor der eigenen Erinnerung und dem kollektiven Gedächtnis derer, denen wir ihr vermeintliches Schicksal aufgezwungen haben.

IK: Dann werden noch Millionen zu uns kommen?

PM: Und Stacheldrahtzäune, Polizeisperren, bürokratische Prozeduren und rassistische Attacken als unsere Armutszeugnisse entlarven. Und sich damit nicht abfinden.

IK: Wie wäre es denn statt einer Völkerwanderung mit einem Völkertausch?

PM: Das wäre eine echte Herausforderung.

2 Gedanken zu “auf der Flucht

  1. Sind die Syrer nicht eher Vertriebene? Und wer vertreibt sie?
    Ein buntes Gemisch aus IS (Islamischer Staat), FSA (Freie Syrische Armee), JaN (al Nusra Front), Islamischer Front usw., alle von westlichen Staaten oder Saudi-Arabien finanzierte Terrorgruppen, wollen in Syrien Demokratie errichten. Ausgenommen der IS, der einen Gotteststaat will. Abseits dessen hat die Baath-Partei (ein Gegenstück zur Irakischen Baath-Partei von Saddam Hussein) einen relativ hohen allgemeinen Wohlstand mit guter Gesundheitsversorgung, Volksbildung und friedlichem Zusammenleben der verschiedenen Religionen erreicht. Natürlich alles undemokratisch. Weil ein gewählter Präsident dafür sorgt? Deutschland hat sich frühzeitig für den Sturz des „Assad-Regimes“ eingesetzt. Das Ergebnis dieser ‚Bemühungen‘ ist natürlich nicht unser Verschulden. Schuld haben andere: 1. Assad; 2. Assad; 3. Assad; 4. die Hisbollah; 5. der Iran; 6. die Russen.
    Warum werden die Menschen aus Eritrea vertrieben? Eritrea gehörte eigentlich zu Äthiopien. Dann kamen britische und US-Politiker auf die Idee, das ölreiche Land zu einem Aufstand zu bewegen. Ergebnis: Flüchtlinge.
    Und Libyen? USA, Großbritannien, Frankreich haben gemeinsam den (sicherlich sehr unappetitlichen) Gadaffi gestürzt. Wohl wissend, dass die Königstreuen um Bengasi und die politischen Rebellen um Tripolis niemals miteinander zusammen leben wollen. Ergebnis: Krieg, Terror, Mord und Flüchtlinge.
    Schöner Nebeneffekt: Alle Ölvorkommen in diesen Ländern können jetzt ‚in Ruhe‘ von US-Unternehmen ausgebeutet werden. Einen Kommentar zum Irak erspare ich mir. Die Ereignisse dort sind ein beispielloser Bruch des Völkerrechts. Eigentlich ein beginnender Genozid. Aber wen kümmert es? Wir haben andere Sorgen. Wir müssen nämlich Flüchtlinge unterbringen. An den Ursachen ändern wir nichts.
    Ergebnis: Wir müssen uns auf eine lang anhaltende Flüchtlingswelle einstellen. Und sorgen dafür, dass sie anhält. Schließlich brauchen wir Arbeitskräfte …

    • Danke für den sorgfältigen Kommentar, der sich inzwischen als weise Voraussicht entpuppt. Auf einmal will man mit Baschar al-Assad reden. Traut man den biografischen Einlassungen auf Wikipedia, hat er seine Präsidentschaft mit einer durchaus demokratischen Gesinnung begonnen, diese aber aus Befürchtungen um die Stabilität im Land aufgegeben. Das ist eine sehr betrübliche These und noch betrüblicher ist, dass ich keine Argumente dagegen habe. Es läuft wieder darauf hinaus, dass es die Struktur des Staatswesen an sich ist, die Demokratie und positive Ansätze in diese Richtung zunichte macht.

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