Kasseler Kunst-Gang IV

Eine andere Komposition, die sich absichtsvoll musikalischer Begrifflichkeit bedient, ist die Performance „Social Dissonance“ des Spaniers MATTIN in der „documenta“-Halle. Könnte das Ausüben von „Noise und Improvisation“ dazu beitragen, das Ausmaß des Zur-Ware-Werdens und der Vermarktung (menschlicher Arbeitskraft) besser zu verstehen und gar aufzuhalten? Können wir Noise (Lärm, Geräusch, Krach, Rauschen, Störung, Klatsch, Heroin, Rumor) nutzen, „um althergebrachte Beziehungen zwischen Publikum und Performer_in zu überwinden?“ Das soll das Publikum in Mattin‘s 163 Tage dauerndem ‚Konzert‘ an sich selbst erproben. Weiterlesen

Kasseler Kunst-Gang III

In fortwährender Beschleunigung sind fünf Jahre eine lange Zeit. 2012 eröffnete ich meinen Blog mit zwei „Kunst-Gängen“ durch Gebäude und Gelände der „documenta 13“. Der Besuch der „documenta 14“ ist eine Gelegenheit, diesen Zeitraum zu verklammern und in eine Frist umzuwandeln, in der ich, zunehmend bewusster, LebensZeichen aussende, resümiere und vorausblicke. Geblieben ist die Neugier auf die Welt und die Neugier auf die Kunst weltweit. Wie reagieren kreative Menschen auf die Eigenart der Gattung, sich selbst immer konsequenter in Frage zu stellen? Wie lösen sie Maß und Anmaßung in ihren Lebensweisen auf? Weiterlesen

Wen wählen?

An der letzten Bundestagswahl habe ich mich nicht beteiligt. Warum nicht? Weil Gegenstimmen nicht möglich sind. Nur eine solche hätte ich guten Gewissens abgeben können und zwar für jede der etablierten Parteien von Rechts bis Links. Weil jede mit ihrem Programm mit all ihrer Macht das vorhandene System (das ihre Anführer ohne Skrupel als bestmögliches ausrufen und sogar für alternativlos erklären) verteidigen und befestigen will. Es kann aber nur darum gehen, dieses System zu destabilisieren, in dem Einzelne auf Kosten der Gemeinschaft leben, das existenzielle Konflikte ohne Ende produziert und inzwischen die Bedingungen für alles Lebendige auf dem Planeten zusehends verschlechtert. Weiterlesen

FrageZeichen

Mit einem Fragezeichen endet der Titel der 2016 erschienenen, eben gelesenen Schrift „What Kind of Creatures Are We?“ von Noam Chomsky. Es ist der erste Satz. Das FrageZeichen, erwartete ich, würde dem Ende zu aufgelöst. Aber den Gefallen tut Chomsky mir nicht. Allerdings lässt er wissen, dass er selbst gern mehr wüsste. Weiterlesen

Zukunft

Merkwürdig: Je weniger Zukunft ich habe, desto mehr Gedanken mache ich mir um sie.

Einer davon mündet in die Überzeugung, dass es auf lange Sicht zwar immer äußere Umstände sein werden, die darüber entscheiden, ob wir mit ihr in Verbindung bleiben, kurzfrisitg aber unser eigenes Verhalten den Ausschlag geben wird, wie viel wir davon noch erleben. Weil Zeit keine Naturkonstante ist, ist Zukunft es ebenso wenig. Worauf es ankommt ist:

Wann werden wir aufhören, uns an ego- und anthropozentrischen Weltbildern zu ergötzen?

Wann werden wir den aufrechten Gang zum ersten Lebensrecht erklären?

Werden wir genügend Zusammenhänge erkennen und komplex denken lernen?

Werden wir die Balance auf dem Planeten halten?

Werden wir nach genug gesehenen Taten endlich Worte wechseln?

Musik

Musik ist heute die Sprache, mit der wir offensichtlich am besten begreifen und zusammenhalten. Warum es nicht die Worte sind, auf deren ‚Erfindung“ wir so stolz sind, ist eine große Frage. Weil nach wie vor der Bauch den Kopf dominiert? Das hören bezeichnenderweise vor allem die Klugen nicht gern. Als müssten sie verteidigen, was ihnen nicht gelingt: mit dem Austausch von Gedanken dem Kampf ums Überleben immer mehr Lebenswertes abzugewinnen. Weiterlesen

Terroristen

Ursprünglich galt Terror als legitime Staatsaktion. „Terror ist nichts anderes als rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit. Er ist eine Offenbarung der Tugend“, erklärte der Revolutionär und jakobinische Politiker Maximilien de Robespierre im Jahre 1794 vor dem französischen Nationalkonvent. Weiterlesen

Populisten

Populisten – das Wort ist derzeit in aller Munde, vor allem bei denen, die sich gern für etwas Besseres halten: Eliten. Das sollen Mächtige und Reiche sein, EU-Bürokraten, Professoren, Politiker beispielsweise, jedenfalls jene Minderheit, die die Populisten für die Verhältnisse verantwortlich machen, unter denen sie leiden und den Kürzeren ziehen. Auch die gut dotierten und oft in verdächtigem Gleichklang tönenden Berichter und Meinungsbildner in den Medien rechnen die Populisten den Eliten zu und reden von ‚Lügenpresse‘, die gar nicht zur Unwahrheit verpflichtet werden muss, weil sie sich freiwillig und höchst eigennützig selbst konditioniert – aber das ist ein anderes Thema … Weiterlesen

gehaltvolles Bloggerfrühstück

Beitrag von Dr. H.-J. Körting

Die Probleme unserer Gegenwart sind sehr komplex und schwer zu analysieren. Mitunter verlässt einen der Mut, sich um eine Änderung der Situation zu bemühen. Dabei ist es eigentlich jedem selbst überlassen, inwieweit er sich einbringt. Man kann aber auch die Probleme auf konkrete Situationen herunterbrechen und dennoch zur Aufklärung beitragen. Zudem noch unterhaltsam zu sein, ist ein Vorzug erfolgreicher SchriftstellerInnen.

Der Autor (links) und Ursula Poznanski (2. v. rechts) beim Bloggerfrühstück

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TotenQuoten

Ich empfehle, Flüchtlingsquoten nicht für die Lebenden festzulegen, sondern für die Toten, für die, die auf der Flucht nach Europa umkommen. Unsere jahrzehntelang perfektionierte Bürokratie soll sie per Schlüsselzuweisung auf die wohlhabenden Länder verteilen. Danach soll jedes Land selbst entscheiden, wie es mit ihnen umgeht. Ob es sie klammheimlich in Massengräbern verscharrt oder ob es ihnen mit einem Staatsbegräbnis nachtrauert – um nur zwei Beispiele für eine mögliche Endversorgung zu nennen.

Vielleicht gelingt es auf diese Weise, die vielen Ausflüchte, Hilflosigkeiten und schlechten Gewissen beim Anblick der Lebenden, die Zuflucht bei uns suchen, zu einem kollektiven Verständnis für den Zusammenhang zwischen ihrer Anwesenheit und unserem Wohlstand zu bündeln.