Balkenhols Wagner

1813 wurde Richard Wagner geboren. Aus diesem Anlass wurde gestern, an seinem 200.  Geburtstag, in seiner Geburtsstadt Leipzig Denkmal enthüllt. Musste das sein?

Nicht nur, weil die Person des Komponisten wie eh und je umstritten ist, nicht nur, weil ich in den vergangenen Monaten wider Willen die enervierende Debatte um ein anscheinend unvermeidliches sogenanntes Freiheits- und Einheitsdenkmal samt der unsäglichen Entwürfe dazu ertragen musste, frage ich das. Ich kann schon lange keinen Sinn, geschweigedenn etwas Erfreuliches für mich darin erkennen, historische Lebensleistungen oder Ereignissen zu Stein oder Metall erstarrt zu sehen. Das meiste davon ist allenfalls peinlich. Auf eine weitere Peinlichkeit war ich gefasst.

Doch der vom Komponisten kaum beeindruckte Bildhauer Stephan Balkenhol hat aus den zur Verhinderung des Denkmals ersonnenen städtischen Auflagen Erstaunliches gemacht.  Da galt es, einen Sockel zu verwenden, auf den Max Klinger vor 100 Jahren schon ein Wagner-Denkmal stellen wollte. Da galt es, den abgelegenen Standort auf der wieder hergestellten Klinger-Treppe im Ring-Grün zu akzeptieren, unweit der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale, die so manchem Einheimischen noch in den Knochen steckt. Dass beides dem Bildhauer in die Karten spielte, hätte Leipzigs Ober-Wagner-Denkmal-Gegner-Bürger-Meister sich nicht träumen lassen.

Balkenhol entwickelte und realisierte mit den Vorgaben ein Werk, mit dem er sich nun in Wagners Nachbarschaft wiederfindet, in einer kreativen Höhe, in der Großes seine Monumentalität verliert, sich dem vergewaltigenden Zugriff der Kleingeister entzieht und in eine Substanz verwandelt, die wunderbar geeignet ist, die Seele durchzuspülen und, nicht ohne Demut, den Blick voraus zu öffnen. „Die Wagner-Ferne Balkenhols hat dem Leipziger Wagner-Denkmal gut getan“, schreibt Barbara Möller in der „Berliner Morgenpost“ lakonisch. „Er hat sich auch nicht durch die abfällige Kritik kränken lassen, er habe eine ‚Allerweltsfigur‘ geschaffen.“

Mit der Figur des jugendlichen Wagner auf Klingers altem Sockel verhilft er tatsächlich aller Welt zu einer im besten Sinne fragwürdigen Aussicht. Sie kann auch gar nicht anders sein, weil voraus sich nicht, wie es Rückblicke oft vortäuschen, das Künftige abzeichnet, sondern das Mögliche, aus dem das Künftige erst wird. Nur im Konglomerat des Möglichen ist es vorhanden, bevor es im Tatsächlichen erscheint: vermeintlich überraschend, vermeintlich erschreckend, vermeintlich hinterrücks.

Balkenhols Geniestreich holt das in die Sichtbarkeit. Mit einem Wechsel der Perspektive  zeigt er am Beispiel Wagners, dass ich, einmal Zugange, ganz gleich wie weit mein Blick auch reicht (weil ich bin, was ich bin), ganz gleich, wie groß meine Zuversicht auch ist (weil ich bin, was ich bin), dem Unabsehbaren nicht entkommen kann (weil ich bin, was ich bin).

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