Bambus

Ein kleiner Bambusspross enthält den größten Aussichtsreichtum dieser Welt. Vermutlich vor etwa 450 Millionen Jahren, vor den Wirbeltieren, haben sich Pflanzen auf der Erde ausgebreitet. Die heutige Verteilung des Lebendigen über Meere und Kontinente soll es seit ungefähr 66 Millionen Jahren geben. Ebenso dauerhaft ist die fortwährende Wechselwirkung zwischen Pflanzen- und Tierwelt. Mit ihr manifestiert sich die Diversität, die Vielfalt des Lebens auf der Erde und besetzt und modifiziert ökologische Nischen. Seit etwa 12 000 Jahren beeinflussen Menschen dieses Geschehen, je näher an der Gegenwart, desto gravierender.

Allerdings scheint unser wachsender Einfluss auf die Umwelt mit dem gleichzeitigen Verlust von Sensibilität für lebenswichtige Zusammenhänge einherzugehen. Oder ist unsere Wahrnehmung der Komplexität des Lebens von vornherein begrenzt, so dass unser Handeln uns ‚gesetzmäßig‘ zur Strecke bringt? Weil der Fortbestand des Lebens auf diesem Planeten ohne uns sicherer wäre? Waffen-, klima- und ressourcentechnisch tun wir jedenfalls eine Menge für diese Annahme.

Ein Beispiel: Die Schweiz benötigt für den Lebensstil ihrer Bevölkerung gegenwärtig vier Schweizen. Daraufhin wurde ein Aktionsplan zur Entwicklung einer Grünen Wirtschaft entwickelt und zuletzt 2016 vom Bundesrat fortgeschrieben. Das Ziel einer Volksinitiative, bis 2050 den ökologischen Fußabdruck einer Schweiz anzupassen, also innerhalb der Außengrenzen mit den eigenen Ressourcen auszukommen und das gesetzlich zu fixieren, wurde allerdings mit der Begründung abgelehnt, dass das „aus heutiger Sicht“ unrealistisch sei. Was aber fangen diese SchlauBergler (und ihre benachbarten HinterWäldler) ohne Realität mit realistischen Zielen an?

Es bleibt ihnen die Faszination eines von Zufall und Notwendigkeit durchdrungenen Ganzen, das aus sich selbst heraus immer wieder Neues generiert und sich wandelt. Weit unterschätzt ist darin die Lebenswelt der Pflanzen mit ihrer Erfahrung aus Jahrmillionen, sich dem Planeten und den Planeten sich anzupassen.

Das Wenigste haben wir verstanden, wenn wir den Baum mit Wurzel, Stamm und Krone als Muster für unsere Hierarchien wählen und uns gleichzeitig des Waldes entledigen. Was geht vor in uns, wenn wir, kaum in der Lage, seine Komplexität zu begreifen, auf ihn verzichten? Was haben wir dann von uns zu erwarten?

Das Grasgewächs Bambus mit Potenzial zum Wald und mehr als 1000 Arten in den Tropen, Subtropen und der gemäßigten Zone, ist in China ein Symbol für Beständigkeit und Flexibilität, in Japan, wegen seiner frischen grünen Farbe, für Reinheit, in Indien für Freundschaft. Auf den Philippinen werden Bambuskreuze als Glücksbringer aufgestellt.

Ebenso gut geeignet ist dieses Gewächs als natürliches Vorbild für unsere künstlichen Systeme. Warum? Weil Bambus rhizom ist, das heißt, in jedem Exemplar autark und in der Vielheit verbunden. So ist das Internet strukturiert. So kann eine Gemeinschaft zum Vorteil jedes ihrer Individuen aus dem Augenblick heraus Dauer schaffen, in basisdemokratischen Strukturen, ohne Zwang oder Anreiz zur Täuschung, zur Lüge, zur Manipulation, zum Wachstum ins Verhängnisvolle.