Befinden

Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind –
für Dorsch und Stint –
für jedes Boot –
und bin doch selbst
ein Schiff in Not!

Mit diesen Versen eröffnet der 1921 in Hamburg geborene Wolfgang Borchert eine Lyrik-Publikation mit 14 Gedichten. Es ist das Jahr 1946. „Laterne, Nacht und Sterne“ nennt der Fünfundzwanzigjährige die feine kleine Sammlung, ein knappes Jahr, bevor er schwerkrank stirbt. Ich lese sie zum ersten Mal, als lebenserhaltende Maßnahme in meiner Wehrdienstzeit, im April 1975 in einer Kaserne in Leipzig. Da bin ich so alt, wie Borchert geworden ist. Seitdem begleiten sie mich und scheinen mit jedem weiteren Lebensjahr besser mit meinem Befinden übereinzustimmen. Es ist, als verschwindet mein Leben allmählich darin. Es tut gar nicht so weh. Vor allem verwundert es.

Ein Gedanke zu “Befinden

  1. Noch etwas von Wolfgang Borchert – ungefähr aus dem gleichen Zeitraum:

    Versuch es

    Stell dich mitten in den Regen,
    glaub an seinen Tropfensegen
    spinn dich in das Rauschen ein
    und versuche gut zu sein!

    Stell dich mitten in den Wind,
    glaub an ihn und sei ein Kind –
    lass den Sturm in dich hinein
    und versuche gut zu sein!

    Stell dich mitten in das Feuer
    liebe dieses Ungeheuer
    in des Herzens rotem Wein –
    und versuche gut zu sein!

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