Blickwechsel oder Ortswechsel

Immer wieder muss ich erklären, dass das Wort „Linkszeit“ kein ideologisches Bekenntnis ist, sondern, mit den Worten von Gilles Deleuze, die „Umkehr der Wahrnehmung von sich aus auf die Welt hin“ meint. Ohne diese Umkehr der Wahrnehmung werden wir immer nur versuchen, unsere „europäischen Privilegien“ zu verteidigen.

Die Zitate, die jetzt folgen, sind aus dem Roman „Der Bauch des Ozeans“ von der 1968 im Senegal geborenen Schriftstellerin Fatou Diome. Sie zeigen besser als jede Erklärung, was ich meine:

„Die Bewegung ist überall die gleiche, nur der Horizont wechselt. In Afrika folgte ich der Spur des Schicksals, die aus Zufall und aus unendlicher Hoffnung bestand. In Europa marschiere ich durch den langen Tunnel der Leistung auf wohldefinierte Ziele zu.“

„Erfolg ist die Glückspille des Entwurzelten.“

„Wer keinen Braten hat, nagt an jedem Knochen. Sie finden das schamlos? Ich will Ihnen sagen, was wirklich schamlos ist: wie die Dritte Welt verhungert, während der Westen aus allen Näthen platzt.“

„Es heißt, wirklich Arrangements zu finden, weltweite Gefüge, die dafür sorgen, dass die Probleme der Dritten Welt uns direkter angehen als die meines Wohnviertels“, sagte Deleuze 1989, als wir Deutschen mal wieder nur mit uns selbst beschäftigt waren.

„Manchmal ist es besser, man lässt den anderen in eine Sackgasse laufen. Dann begreift er oft schneller, dass es nicht weitergeht, als durch jede wohlgemeinte Rede.“ Das, scheinbar entgegnend, sagt Fatou Diome, ohne sich auf die empfohlene Suche zu machen. Ich sollte Deleuze verteidigen, aber ich kann ihr nur zustimmen. Märchenhafte Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, gab es wohl noch nie.

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