„Blumen für Algernon“

Charles Gordon, Mitte 30, ist eine anrührender Mensch, gutmütig, gutwillig, nur die Natur hat ihn mit einem bescheidenen IQ von 68 leicht vernachlässigt. Charly, alle Welt nennt ihn so, lebt allein und arbeitet als Kloputzer in einer Fabrik. In der Abendschule will er lesen und schreiben lernen und fühlt sich erwärmt von der verständnisvollen Lehrerin Miss Kinnian. Ihretwegen lässt er sich auf Tests mit zwei Ärzten ein, die ihm die Labormaus Algernon vorstellen, deren Intelligenz nach einer Hirnoperation die seine um ein Vielfaches übertrifft. Er ist einverstanden, dass sie die gleiche Operation an ihm vornehmen und bald ist er in der Lage, die Welt und sich selbst in hohem Maße zu erkennen.

Ich erlebe, wie er zum Genie wird, wie er mit Selbsterkenntnis umgeht und mit dem Selbstbewusstsein, das sich daraus entwickelt. Ich erfahre, welche Gewohnheiten er annimmt und ablegt, was er mit sich anfängt und andere mit ihm, als er sich verändert. Ich entdecke, dass Wissen und Intelligenz allein nicht glücklich machen und werde, von bedenklichen Veränderungen bei Algernon alarmiert, Zeuge seines erschreckenden Rückfalls in die Nebel der Unwissenheit. Ich muss vermuten, dass er, zuvor endet der Film, sterben wird wie die Maus, die er in einer Käsedose in der Nähe des Labors begraben hat und täglich eine Blume auf ihr grab ablegt.

Der 1927 in Brooklyn, New York geborene Daniel Keyes veröffentlichte 1959, nach der strikten Weigerung, das Ende umzuschreiben, die Kurzgeschichte „Flowers for Algernon“ in Science Fiction-Magazin. Bis 1966 arbeitete er sie zu einem Roman aus, der zwei Jahre später mit dem Titel „Charly“ als Film in die Kinos kam. In dem autobiographischen Buch „Algernon, Charlie and I: A Writer’s Journey“, das im Jahr 2000 erschien, schrieb Keyes über die Entstehung beider Texte und verschiedener Adaptionen für Film, Fernsehen und Theater.

Wissend werden wird als menschenwürdiger Vorgang dargestellt, dumm bleiben aus Angst oder Vorsicht oder Zweifel als keine brauchbare Alternative zu den Kollisionen mit der Realität, die (viel) Wissen mit sich bringt. Kann man zu viel wissen? Mit welchen Perspektiven verändert es unser Zusammenleben, das wir für unser Seelenheil brauchen? Ich greife eine Sequenz heraus, die beispielhaft für die Tiefgründigkeit der Keyes’schen Geschichte und die diffizilen menschlichen Wechselwirkungen ist, die 2013 aufs Neue von dem souveränen Regisseur Yves Angelo und seinem hervorragenden Darsteller Grégory Gadebois bis in die letzte Nuance von Mimik, Gestik und Sprache ausarbeitet wurden.

Charly erzählt, Wort für Wort aus seiner geistigen Einschränkung herauswachsend, von dem Verhältnis zu den Arbeitskollegen in der Fabrik, die sich – jetzt erst, mit seinem Verständniszuwachs, wird es ihm bewusst – immer wieder auf seine Kosten belustigt haben. Als er intelligent genug ist, die Arbeitswelt zu begreifen und produktionssteigernd in sie einzugreifen, ist er sowohl den Kollegen als auch dem Chef nicht mehr geheuer. Er wird betriebsbedingt gekündigt (zu schlau für den Job), ausgeschlossen statt anerkannt. Er wird zu Charles.

Als er sich wieder weit genug zurück entwickelt hat, bekommt er auch den Job zurück, aber seine Kollegen verhalten sich anders. Damit er wieder als Kloputzer in die vertraute Umgebung darf, muss sein Nachfolger gehen, dem das weder gefällt, noch kann er es verhindern. Als er Charly deswegen mit einer Bemerkung über seine vorübergehende Schlauheit demütigt, verteidigen ihn die ‚alten‘ Kollegen.

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