Demokratie-Demonstration I

2015-10-10_08 Berlin, Spreeufer, TTIP-Demo

Ein Mitläufer bin ich nicht und deswegen ganz selten in Umzügen oder Versammlungen für oder gegen etwas zu finden. Hinzu kommt, dass die Ziele der Demonstrationen meist auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert werden, während die tatsächlichen Zusammenhänge viel komplexer und weitreichender sind.

Gestern war es anders. Die Berliner Demonstration gegen die Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TISA, die multinationale Konzerne und Politiker am liebsten unbemerkt aushandeln würden, um die Völker dann hinterrücks mit kaum überschaubaren Risiken und Nebenwirkungen zu ‚beglücken‘, versammelte mindestens 150.000 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet mit dem größten gemeinsamen Anspruch: auf Demokratie, verbunden mit dem Hinweis, dass sie mit solchen Abkommen abhanden kommt.

Wirklich nachgedacht über Demokratie habe ich das erste Mal bei Jean-Luc Godards denkwürdigem Filmessay „One plus One“ aus dem Jahr 1969. Dort gibt eine junge Frau, die sich ‚Eve Democracy’ nennt, trügerisch umgrünt ein Interview, bevor sie Selbstmord begeht und mit Blut beschmiert von einem Kamerakran in einen Himmel gehoben wird, in dem noch niemals Geigen hingen.

Seither weiß ich, dass Demokratie kein abstrakter Wert ist, sondern eine kostbare Errungenschaft zugunsten des Gemeinwohls, das in hierarchischen und zentralistischen Strukturen immer wieder in Frage oder in Abrede gestellt und oft genug zerstört wird. Seither weiß ich, dass sie niemals sicher ist, sondern gehegt und behütet und entwickelt werden muss und dass ohne ständig vom Volk ausgeübte Demokratie eine lebenswerte Zukunft immer unwahrscheinlicher wird.2015-10-10_24 Berlin, Reinhardtstraße, TTIP-Demo, NABU-Trommler

 

Zu sehen, wie viele verschieden orientierte Menschen inzwischen die niedrigen Beweggründe von Politikern und Wirtschaftslenker durchschauen, die mit dem weitgehend positiv besetzten Begriff ‚Wachstum‘ ihre tatsächlichen Bereicherungsabsichten verdecken wollen und zu hören, wie viele schon begriffen haben, dass auch die aktuellen Flüchtlingsströme in unser Land damit zu tun haben, war ein ermutigendes Erlebnis.

„Ganhar ou perder, mas sempre com democracia“ („Siegen oder verlieren, aber immer mit Demokratie“), diesen Spruch erkor im Jahre 1982 in dem von Militärs regierten Brasilien ein populärer Fußballclub zu seinem Motto. In deprimierender Lage lebte eine Fußballmannschaft dieses Motto vor, trug es als Banner ins Stadion und erreichte damit ein ganzes Volk, dem 1985, nach zwei Jahrzehnten Diktatur, die demokratische Wahl eines Präsidenten gelang.

Mitzuerleben, wie viele Menschen in unserem Land bereit sind, sich für Basisdemokratie zu engagieren und bereit sind, dafür Kraft und Kreativität und Mut zu investieren, hat mir in bedenklichen Zeiten einen wunderschönen Herbsttag beschert.

Ein Gedanke zu “Demokratie-Demonstration I

  1. Es war fast unheimlich, als der Sprecher auf der Bühne am Washingtonplatz darum bat, man möge doch schon mal losgehen, denn die Polizei hat gerade den Hauptbahnhof gesperrt, Züge dürfen nicht mehr halten, weil zu viele Menschen im Bahnhofsgebäude sind. Es wurden aber noch viel mehr. Aus den 50.000, die dort starteten, wurden am Nachmittag dann 250.000 Demonstranten. Trotz Diffamierung waren die Menschen zusammengekommen, denen etwas an der Demokratie liegt und die Deutschland vor den „Errungenschaften“ der US-Konzerne bewahren wollen.
    Wer immer nur auf Facebook unterwegs ist, denkt manchmal, man ist allein. Der 10. Oktober hat gezeigt, dem ist nicht so. Das macht Mut. Hat also Jean Ziegler doch Recht, wenn er sagt, niemand kann uns davon abhalten, unsere demokratisch verbürgten Einflussmöglichkeiten zu nutzen, außer wir selbst.
    Dennoch ist da ein ABER! Wenn wir nicht mit weiterem Druck auf die derzeitige US-hörige Regierungsmannschaft Einfluss nehmen, werden Gabriel & Co. zur Tagesordnung übergehen. Dann war das nur ein schöner Oktoberspaziergang.
    Entweder „wir“ organisieren in allen Landeshauptstädten zeitgleich noch einmal so eine Protestdemo mit dann vielleicht einer Million Teilnehmern oder „wir“ organisieren Montagsdemos, so lange, bis die Regierung alles offen legt und im Sinne der deutschen (europäischen) Demokratie und Werte verhandelt.
    Aufgrund des sehr breiten Bündnisses kann das funktioniern, wenn man sich nicht wieder spalten lässt.

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