ein wenig zufallsloser

 Bis vor vier Wochen konnte ich mir unter einem Leistenbruch noch gar nichts vorstellen. Erst als mein Urologe bei einer Vorsorgeuntersuchung darauf hinwies und wortreich beschrieb, dass er mir über kurz oder lang und wahrscheinlich, wie das Leben so spielt, bestimmt dann, wenn es am unpassendsten wäre, Beschwerden verursachen würde und, unabhängig davon, eine Operation irgendwann sowieso unumgänglich sei, brachte ich im nachträglichen Bedenken seiner Worte zum ersten Mal die Auswölbung an der rechten Leiste, die sich in den vergangenen Monaten immer deutlicher hervorgetan hatte, damit in Verbindung.

Sorgen deswegen hatte ich mir schon gemacht, weil ich die Vergrößerung eines inneren Organs vermutete, war allerdings wieder beruhigt, als ich herausfand, dass es sich in dieser Region nur um den Darm handeln konnte, den ich in einer nur ungewöhnlichen Lage vermutete, zumal er sich auch mühelos immer wieder zurück drücken ließ. Schmerzen hatte ich dabei nie.

Nun aber recherchierte ich im Internet und erkannte die wirkliche Ursache und zugleich die notwendige Operation, die ich nicht aufschieben wollte. Dass ich mich so schnell entschloss, liegt an meinen guten Erfahrungen mit zwei operativen Eingriffen in latente Gesundheitsgefahren, bevor sie akut werden konnten. 2002 ließ ich mir eine Vene aus dem linken Bein ziehen, die Krampfadern verursacht hatte. 2009 war es ein zwei Zentimeter großer Harnstein, der unbemerkt in einem Nierenkelch gewachsen war und der sich weder auflösen wollte, noch nach erfolgreicher Schallwellenzerkleinerung von selbst entfernte.

Ich vereinbarte ein Vorgespräch im Leipziger Krankenhaus St. Elisabeth, in dem mir das Nierengestein in zweieinhalb Stunden endoskopisch erfolgreich entfernt worden war. Für die Hernien-OP, die bis Mitte der 1990er Jahre nur mit offenem Schnitt durchgeführt wurde, gibt es inzwischen auch zwei minimal-invasive Verfahren, bei denen Kunststoffnetze zur Verstärkung der Bauchdecke eingesetzt werden. Diese Eingriffe, so der Urologe, seien aber achtmal so teuer wie der offene, weswegen normale Kassenpatienten mit stabiler Konstitution nach wie vor mit der preiswerteren Variante rechnen müssten. Darauf sollte ich mich einstellen, Darauf war ich eingestellt.

Als Glücksfall muss ich nun werten, dass der Oberarzt, der mich begutachtete, den Leistenbruch rechts auf den ersten Blick erkannte und für umgehend operabel erklärte, auch links fündig wurde und einen äußerlich noch nicht sichtbaren Bruch ertastete, denn beide Brüche auf einmal können nur minimal-intensiv mit einer Operation beseitigt werden, und das ist für die Krankenkassen dann wieder die interessantere Alternative zu zwei zeitversetzten offenen Eingriffen mit jeweils mehrwöchiger Krankschreibung.

Am vergangenen Dienstag, genau zur Mittagszeit, wurde ich auf den OP-Tisch befördert und registrierte die erste Uhrzeit nach allmählichen Aufwachen aus der Vollnarkose gegen 16.00 Uhr. Diese vier Stunden empfand ich wie eine ungewisse Zwischen-Zeit, vor der ich die Welt sanft verlor, um, erhofft natürlich, neu wieder hinein in sie zu finden. Überbrückt wurde sie von meinen Ängsten um das Gelingen der Operation, die ich zuvor hatte und die mich danach aufs Neue befielen.

Von Stund an finde ich heraus, dass sich in dieser ominösen Unterbrechung offenbar alles gut für mich arrangierte. Eines wenn auch nur kleinen Eingenanteils bewusst, fühle ich mich vor allem begnadet, beschenkt und ein wenig zufallsloser als bisher.

Ein Gedanke zu “ein wenig zufallsloser

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