Erwin Wagenhofers „Alphabet“

Erwin Wagenhofers Film „Alphabet“ ist notwendig. Das sehen die staatstragenden Medien ganz anders. In hastigen Artikeln versuchen etwa die SÜDDEUTSCHEN NEUESTEN NACHRICHTEN oder DER TAGESSPIEGEL die aufregende Dokumentation herunterzuschreiben. Allerdings verstreuen sie ihre Abneigung aus typisch bildungsbürgerlichen Gedankengängen, in denen das Wahrnehmungsvermögen komplexer Zusammenhänge bereits erfolgreich weggebildet wurde. Zukunft ist für die beiden Autorinnen nur noch eine Frage der Zeit, während unsere Zukunft längst vor allem abhängig davon ist, ob wir noch in der Lage sind, das Gleichgewicht auf dem Planeten zu halten und unser momentanes Straucheln wieder auszubalancieren.

Der Staat jedenfalls hat zu allen Zeiten stets zuerst Gefolgschaft und Gehorsam belohnt. Das brachte den ‚Erfinder‘ der Anarchie William Godwin schon Ende des 18. Jahrhunderts zu der Überzeugung, die eigenen Kinder vor dem offiziellen Bildungswesen bewahren zu müssen. Er und seine Frau Mary Wollestonecraft, erste Frauenrechtlerin von internationaler Bedeutung, bildeten sie in häuslicher Umgebung und bewahrten ihnen die offenbar jedem Menschenkind in die Wiege gelegte Möglichkeit einer Lebensweise, in der eigene Interessen erst akzeptabel sind, wenn die Allgemeinheit sie verträgt. In den ausgeklügelten Hierarchien des Staates hingegen, in denen die Heranbildung passender Untertanen eine wichtige Rolle spielt, war das Gemeinwohl noch nie ein ernsthaftes Ziel.

Der Filmemacher Erwin Wagenhofer komplettiert nach „We Feed the World“ (2005) und „Lets Make Money“ (2008) mit „Alphabet“ nun eine Trilogie, die auf drei gravierende Tendenzen hinweist, mit denen sich Machtstrukturen in die Zukunftslosigkeit manövrieren. Es muss die Frage schon gestattet sein, wohin normierte Bildung noch führen soll, wenn sie einer hochqualifizierten Unersättlichkeit den Weg bahnt, aus der heraus mit atemberaubender Rücksichtslosigkeit die lebensnotwendigen irdischen Gleichgewichte in Natur und Gesellschaft zerstört werden.

Ohne Sarkasmus und Besserwisserei analysiert Wagenhofer die fatale Realität: „Egal, welche Schule wir besucht haben, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen, als es darum ging, die Menschen zu gut funktionierenden Rädchen einer arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft auszubilden. Die Lehrinhalte haben sich seither stark verändert und die Schule ist auch kein Ort des autoritären Drills mehr. Doch die Fixierung auf normierte Standards beherrscht den Unterricht mehr denn je. […] Leistung als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden. Doch die einseitige Ausrichtung auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte lässt genau jene spielerische Kreativität verkümmern, die uns helfen könnte, ohne Angst vor dem Scheitern nach neuen Lösungen zu suchen. […] Fast alle Bildungsdiskussionen sind darauf verkürzt, in einem von Konkurrenzdenken geprägten Umfeld jene Schulform zu propagieren, in der die Schüler die beste Performance erbringen.“

Wagenhofer sucht nach Denkstrukturen, die dahinter stecken, belässt es dabei aber nicht. Er sucht nach alternativen Ansätzen, die Kreativität und mitmenschliches Denken bewahren und begründet seine Hoffnung, dass wir Politikern, Globalplayern und Börsenspekulanten (die in der Regel die großartigsten Eliteschulen und Exzellenzuniversitäten erfolgreich absolviert haben) nicht ausgeliefert bleiben müssen. Wer anders als jedes nächste neue Menschenkind kann dafür etwas tun?

 

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