„Ex Machina“

Seit den Büchern des polnischen Autors Stanisław Lem, die ich vor allem in den 1970er Jahren mit großem Vergnügen verschlang, fasziniert mich die Vorstellung, wir könnten irgendwann einmal künstliche Intelligenz erschaffen und mit ihr die Welt verändern. „Intellektronik“ nennt Lem diese Schöpfungen in seinem Werk „Summa technologiae“, dessen Titel sich auf die Schriften „Summa theologica“ (um 1270) von Thomas von Aquin und „Summa Theologiae“ (um 1274) von Albertus Magnus bezieht.

Der britische Mathematiker Alan Turing konstruierte in Jahr 1950 eine Versuchsanordnung, in der ein menschlicher Fragesteller über eine Tastatur und einen Bildschirm eine Unterhaltung mit zwei Unbekannten führt, von denen einer ein Mensch und der andere eine Maschine ist. Wenn der Fragesteller nach der Unterhaltung nicht sagen kann, welcher von beiden die Maschine ist, hat diese den Test bestanden und gilt als dem Menschen ebenbürtig.

Zahllose Bücher und Filme sind zu diesem Thema erschienen, die wenigsten mit dem Ziel, es zu qualifizieren und ethische und philosophische Debatten anzuregen. Inzwischen sind Wissenschaft und Technik so weit gediehen, dass es nur noch eine Zeitfrage scheint, bis wir Strukturen erschaffen, die den Turing-Test bestehen und sich nachhaltig in unser Leben mischen werden.

Wie diese Gebilde funktionieren werden, ist eine spannende Frage, aber mindestens ebenso spannend ist für mich, wie sie in die Welt kommen. Wird es ein grandioser oder ein apokalyptischer Auftritt sein? Werden wir mit der künstlichen Intelligenz eine neue Stufe unserer eigenen Entwicklung erklimmen, oder ihr erliegen wie einer Epidemie? Wird sie uns befördern oder überfordern? Wie rasch wird sie sich unserer Kontrolle entziehen? Und unserer Vorstellungskraft? Was wird sie kreieren?

Der Film „A. I.“ von Steven Spielberg, der 2001 in die Kinos kam, bietet mir die durchaus sympathische Hoffnung an, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern ein Bindeglied, mit dessen Hilfe Wesen in die Welt gelangen, die nicht wie wir die Balance und sich selbst verlieren, sondern eine nachhaltige Existenzform bilden, die mit Klugheit und Gespür ihren Lebensraum modifiziert und immer wieder an sich ändernde Verhätnisse anpasst.

Vierzehn Jahre später gibt es mit dem britischen Film „Ex Machina“ einen neuen Entwurf für ein solches ‚in die Welt kommen‘. Der mit einer Internetfirma steinreich gewordene Nathan erschafft in der völligen Abgeschiedenheit einer Gebirgslandschaft ein humanoides weibliches Wesen, das Caleb, ein von ihm ausgesuchter und zunächst völlig ahnungslose Programmierer, einem verschärften Turing-Test unterziehen soll. In Nathans Versuchsanordnung soll der Tester das Geschöpf im Wissen darum, dass es künstlich ist, beurteilen.

Während der brtische Schriftsteller und Regisseur Alex Garland seine Figuren auf dem schmalen Grat zwischen Genialität und Trivialität tanzen lässt, spielt er zugleich mit uns. Zum Beispiel wenn er die von Nathan geschaffene Ava ihren Tester Caleb fragen lässt, ob er ein guter Mensch sei. Nathan ist für Ava nämlich ein schlechter Mensch, denn er hält sie gefangen. Insbesondere wenn sie den Test besteht, wird er ihr, weiß sie, niemals die Chance geben, die Welt außerhalb des wie ein Hochsicherheitstrakt eingerichteten High-Tech-Hauses kennen zu lernen, nach der sie sich sehnt. Caleb wiederum weiß aus dem bisherigen Kontakt mit Ava, dass sie in ihm den guten Menschen sieht, der ihr den Weg aus dem Haus heraus öffnen kann.

Wenn es aber so läuft, was haben wir ab dem Moment noch auf der Erde zu tun und mit welchen Argumenten hätten wir dann noch einen Anspruch auf den Schutz der eigenen, dermaßen unvollkommenen Art?

Im Gegensatz zu Spielbergs groß angelegtem Mainstream-Film, der zunächst ein Projekt von Stanley Kubrick war, wählte Alex Garland für sein Filmdebüt „Ex Machina“ das klassische Kammerspiel. Damit hebelt er die üblicherweise an Sience Fiction geknüpfte Erwartung spektakulärer Action-Szenen aus und zieht den Zuschauer in eine sensible Kommunikation zwischen zwei Männern und einer humanoiden Frau hinein, die schnell die verbale Ebene überwindet und nicht nur den fiktiven Raum auf der Leinwand füllt: mit Hell und Dunkel, mit Täuschung und Andeutung, mit Gestik und Mimik, mit Geist und Gefühl, mit Wahrheit und Lüge, mit Gewalt und Zärtlichkeit. In diesem überaus komplexen Gespinst verfing ich mich und wusste am Ende nicht recht, wem und wohin sich ein Ausweg öffnete, als ich das Kino verließ.

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