Fondation Louis Vuitton

Im Bois de Boulogne, einst Ausflugsziel der wohlhabenden Pariser, in dem sich nach der Französischen Revolution die Armen der Stadt ihr Brennholz holten und 1814, nach ihrem Sieg gegen Napoleon I., russische und britische Soldaten kampierten, bevor der im Auftrag Napoleon III. tätige Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann die lädierten Überreste nicht zuletzt unter strategischen Gesichts2015-06-05_14 Frankreich, Paris, Fondation Louis Vuittonpunkten zum bewaldeten Volkspark umgestaltete, setzt seit dem vergangenen Herbst unter dem Namen „Fondation Louis Vuitton“ ein neuer Kunsttempel Maßstäbe und ein Zeichen in die Zeit, die wir Holozän oder Anthropozän oder neuerdings auch Kapitalozän nennen, weil der Großaktionär, Luxusgüterproduzent und Kunstliebhaber Bernard Arnault, mit einem geschätzten Privatvermögen von 30 Milliarden Euro der derzeit reichste und damit einflussreiche Franzose, ihn sich wünschte und in der geschichtsträchtigen Naturfläche in Szene setzen ließ.

Wie luftiges Gewölk, aufsteigend oder niedergesunken, wofür das jeweilige Tag- oder Nachtlicht, sowie das städtische und seelische Klima des Betrachters den Ausschlag geben, hat der 1929 in Toronto geborene dekonstruktivistische Architekt Frank Gehry ein Bauwerk aus Glas, Beton und Holz konzipiert, das nach dem erwartungsvollen Anmarsch über die Seine, den Boulevard Bineau und den Boulevard du Chateau, unter grummelnden Gewitterzellen, die dem frühen Pariser Abend einen besonderen energetischen Kick geben und auch meine nach sechsstündiger Autofahrt festgesessenen Glieder wieder mobilisieren, meine Erwartungen schon mit dem ersten Blick mehr als erfüllt, weil es mich nicht nur sättigt, sondern sogleich ablöst vom Zweckmäßigen des Augenblicks, von, zugegeben, mit einer gehörigen Portion Freiwilligkeit eingeschlagenen Bahnen und Richtungen, aus denen es den Geist abheben und frei aufschwingen lässt in immer stärker sich ladende Luft.

Sein Inneres enttäuscht zunächst die gewohnte Erwartung, von einem verständlichen Zeichensystem durch die vielschichtigen Räume und Ebenen gelotst zu werden. Stattdessen sind Beschriftungen und Markierungen offensichtlich darauf aus, ohne Zeitverzug die Eigenbewegung zu aktivieren, die erforderlich ist, um die im Gebäude untergebrachten Kunstobjekte ganz für sich und frei von vorgegebenen Zusammenhängen zu entdecken, zu verlieren und, so spielt das Gebäude mit mir, ihnen noch einmal oder ganz anders, aus anderer Perspektive und in anderem Zusammenhang, zu begegnen, unsicher, ob dieser oder der erste Blick der bessere ist, unsicher, ob dieses gewinnen und wieder verlieren von mir oder den Kunstwerken ausgeht. Nur dass hier nichts ruht und auf sich beruht, ist sicher.

So treffe ich, so trifft mich die lange bekannte Tänzerin Anita Berber von Otto Dix wie eine vertraute Fremde, so läuft mir Alberto Giacomettis schreitender Mann über den Weg, wühlt sich Edvard Munchs Schrei an den Ohren vorbei wie ein Sturmwind ins Hirn, stößt mich Kazimir Malevitchs komplexe Vorahnung brutal in den Rücken, betören mich in Orgien aus Duft die blauen Seerosen Claude Monets, reißt Henri Matisse mich in seinen Tanz, als ließen vierzig Lebensjahre keine Spur hinter sich und überkommt mich in den Abenddämmerungen Emil Noldes und Piet Mondrians die schiere Lebenslust, in der in Pierre Bonnards Sommer alle Sehnsucht hinschmilzt zum bitteren Verlust, eindringlicher als je zuvor, als in all den Wände und Säle füllenden Häufungen von Gleichartigem, das die traditionellen Kunstmuseen regelmäßig aufbieten, um zu verführen.

2015-06-05_27 Frankreich, Paris, Fondation Louis Vuitton, Skulptur von Villar RojasVom Rand des Daseins, von Dunkelheit und Tiefe weit entfernt, die Ólafur Elíasson mit Licht und Reflexen in Glas und Wasser ins Innere des Horizonts zieht („Inside the horizon“ heißt seine im Untergeschoss dauerhaft fixierte Installation), leben Villar Rojas Sklaven („Where the slaves live“ betitelt er seine temporäre Skulptur) auf der Aussichtsterrasse dicht unterm Fächerdach, das nur ein wenig von dem fiebrigen Regenschauer wegnimmt, der auf einen von Artefakten und Zivilisationsrelikten ummantelten Wassertank fällt, auf dem auch Kräuter und Nutzpflanzen gedeihen, ganz so, als holte sich die Natur schon einmal probeweise wieder etwas von dem zurück, das wir ihr meist stümperhaft und unbedacht aus ihr entwendet haben. Als wäre es nur eine Frage der Zeit – Es ist nur eine Frage der Zeit! – bis ihr die in guter Absicht oder aus einem milliardenbeschwerten Gewissen heraus investierten 100 Millionen Euro wieder anheimfallen als wären sie – Sie sind es! – nur eine virtuelle Eskapade.

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