Freiheit und Einheit denkmalgerecht

Das wünscht sich jeder Staat. Denn welches Interesse hätte er an einem bewegten Volk? Wichtig ist ihm der eigene Fortbestand, den er am ehesten erreicht, wenn er nach innen sein Volk bei Laune hält und nach außen Stärke demonstriert, die ihm erlaubt, Bündnisse und Verträge zum eigenen Vorteil schließen oder wieder aufkündigen zu können. Für dieses Ziel gibt es verschiedene Strategien, aber es bleibt, unabhängig von der Staatsform, immer gleich.

Für die Demokratie nennt Noam Chomsky zwei Ansätze. Der „eine geht davon aus, dass in einer demokratischen Gesellschaft die Bevölkerung die Möglichkeit hat, sich auf sinnvolle Weise an der Regelung ihrer Angelegenheiten zu beteiligen“. Der „andere besagt, dass die Bevölkerung von der Regelung ihrer Angelegenheiten ausgeschlossen und der Zugang zu den Informationsmitteln streng begrenzt und kontrolliert werden muss.“ Letzterer ist der Ansatz für die parlamentarische Demokratie.

Kommt eine parlamentarische Demokratie auf die Idee, ihr Volk mit einem nationalen Denkmal zu beglücken, wird es kaum um die Würdigung basisdemokratischer Regungen gehen. Die Verhältnisse sollen geordnet und regulierbar bleiben, und wenn schon vielen der Spaß an ihnen längst vergangen ist, sollen sie wenigstens bei der Stange gehalten werden.

Zu Zeiten der Sowjetunion, deren Parteidiktatur vielen zu abschreckend war, um sich mit ihren Menschen zu befassen, soll es einer kleinen Population im südlichen Turkestan gelungen sein, Geld, das für ein Denkmal gesammelt wurde, zum Kauf von Petroleum zu verwenden. Dadurch wurde vor Ort eine Mückenplage bekämpft und eine Malariaepidemie vermieden. Dank dem Dichter Bertolt Brecht hat die ganze Welt davon erfahren.

Heute macht der Deutsche Bundestag mit einer Gönnergeste, als käme das Geld aus den Taschen der Parlamentarier, fünf Millionen Euro für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal locker und besteht darauf – wir wissen ja warum – es unmissverständlich aufzustellen.

Die weitgehend stillschweigende Mehrheit, die so etwas nicht wollen kann, wird einfach ignoriert. Ein internationaler Wettbewerb wird inszeniert und ein Preisgericht berufen, das letzten Endes drei Entwürfe prämiert, mit denen zwei große Ideen dem Volk wie Zirkustiere vorgeführt werden: gebändigt und dressiert.

Gute Kunst“, verrät ein kluger Autor im Internet-Meinungsmedium „Der Freitag“, „erkennt man an ihrer offenen Tür. Daran, dass sie den Betrachter rein lässt, wenn der Interesse an der Arbeit zeigt. Daran, dass sie es schafft, ihren Kern zu transportieren.“

So kommen mir erhebliche Zweifel am Wert der Leipziger Preisträgerentwürfe, die die Jury in höchsten Tönen lobt. Von anderer Art ist der Entwurf „Conceptual Monument“ des spanischen Künstlers Santiago Sierra. „Statt ein materielles Zeichen zu setzen und das Denkmal als eine Herausforderung an die ästhetische Gestaltung zu verstehen, wird das eigentliche Denkmal als ein nicht-materieller, sozialer Akt begriffen. Der Ort des Denkmals, der Wilhelm-Leuschner-Platz, wird als ein Gebiet verfasst, innerhalb dessen Grenzen keinerlei Restriktionen, keine Autorität, kein Herrschaftsanspruch Gültigkeit besitzen. Ob und wie der Platz materiell zu nutzen und zu gestalten ist, wird eine der Entscheidungen sein, welche die Leipziger an diesem Ort selbst treffen können.“

Ein Konzept mit solchem Kern muss einem Staat und seinen braven Dienern unheimlich sein. Kein Wunder, dass die gut bezahlte Jury es eiligst aussortiert hat, denn es weist  allzu offensichtlich darauf hin, dass „das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung niemals als einmal errungen und dann für immer gegeben betrachtet werden [kann], selbst wenn es zu manchen Zeiten so scheinen mag. Dieses Recht muss gelebt werden, in die Realität jeder neuen Zeit übersetzt, ja neu verhandelt, vielleicht neu erkämpft werden.“

Neugierig bin ich, ob sich die Leipziger samt ihrem angeblichen Heldenmut in die Spielecke der parlamentarischen Demokratie schicken lassen.

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