Sichtweisen I

Die Kälte verrätselt das Arrangement. Sind es erfrorene Kerzen? Sind es Espressotassen? Ein Gedeck im komplementären Orange und Blau? Ein in der Bewegung erstarrter Pas de deux? Der Abstand dazwischen ist groß genug, um beide wie absichtlich entfernt voneinander erscheinen zu lassen. Wie eine Metapher für eine Beziehung, die der Eisigkeit ausgeliefert ist. Oder ist sie erst aus ihr entstanden, um eine trostlose Endgültigkeit zu besiegeln? Am Ende eines Jahres? Am Anfang einer Ewigkeit, der keine Wärme standhält, kein Herzschlag, kein Lippenhauch? Aber vielleicht fängt das Verfrorene im nächsten Moment zu zittern an, vibriert und eist sich los vom Untergrund und gleitet aufeinander zu …

Länger als ein halbes Leben stelle ich mir die Frage nach dem Grund von Schönheit in der Natur. Anmaßend wäre die Vorstellung, beide hätten sich mir zuliebe verbunden. Komme ich nicht ganz spät ins Spiel? Wer vor meinem Erscheinen auf der Bildfläche der Evolution hat sich an dieser Liaison ergötzt? Wer außer mir nimmt sie in der Nische zwischen kleiner und großer Welt wahr? Sind es die darin beheimateten Wesen – eine Blüte zum Beispiel oder ein Schmetterling oder ein windgeschaukeltes Blatt – denen ich die Fähigkeit eigener Wahrnehmung abspreche? Bleibt es ein Rätsel, dessen Lösung augenscheinlich mehr Menschsein braucht, als ich mir im Moment vorstellen kann. Oder finde ich sie eines Tages? Was fange ich dann mit ihr an? (Ver)ändere ich mich?Werde zum Beispiel demütig? Oder finde den bisher vergeblich gesuchten Einklang mit dem vielfältigen Universum und (er)lebe ihn wie ein (fast) müheloses Vergnügen, wie einen fristlosen Aufenthalt …

Dieses Flechtengewächs scheint in Zeit erstarrt. In Wirklichkeit ist es nur deutlicher dem Augenblick entzogen. Langweilt es mich in seiner Reglosigkeit? Wenn ich mir keine Mühe gebe, ganz gleich welcher Lebensform gegenüber, ist das wahrscheinlich. Wenn ich es beachte, ist das Erstaunen nicht mehr weit. Mit dem Blick für seine feinförmige Struktur lockt es mich. Als nächstes bemühe ich gesammeltes Wissen. Dass es sich um eine symbiotische, eine zum Vorteil beider gereichende Lebensgemeinschaft zwischen einem Pilz und photosynthetisch aktiven Grünalgen oder Cyanobakterien handelt, bringe ich in Erfahrung. 25 000 Arten davon gibt es weltweit, hierzulande ungefähr 2000. Ein Licht sollte mir spätestens aufgehen, wenn ich entdecke, dass diese wechselwirkenden Pärchen viel Weiterreichendes hervorbringen als die daran Beteiligten für sich. In der Symbiose erreichen sie ein gemeinsames Alter, das die Lichenologen, die Flechtenkundler, auf viele Hundert bis Viertausendfünfhundert Jahre schätzen. Was für ein Ausmaß von Zukunft, das in seiner Genügsamkeit keine Provokation sein kann, nur eine Herausforderung.

„Bitte recht freundlich!“, scheint die Fotografin der versammelten Schlüsselblumengemeinschaft zugerufen zu haben. Das ist natürlich albern: dass Pflanzen derart auf Menschen reagieren. Oder nicht? Ist es im Bereich der Musik nicht längst erwiesen? Aber in Gestalt eines Lächelns mit aller Blütenkraft? Dann fehlte nur noch, zu behaupten, sie hätten sich exklusiv für diesen Fototermin verabredet und zum Termin an Ort und Stelle eingefunden! Das geht entschieden zu weit. Geht das zu weit? Weil es jedes vernünftige Maß an Vorstellungskraft übertrifft? Aber warum erweckt die Fotografin dann diesen Eindruck in mir? Weil ich so gern ein Lächeln auf mir selber spüre? Nicht irgendeines, sondern ihres natürlich! Das nehme ich entgegen, bewegt von so viel Verständnis in einem einzigen Moment und Gesckick in diesem Augenblick, in einem Einklang verharrend, der nichts von Sekunden, von Tagen und Jahren und nicht einmal von der Ewigkeit wissen will oder es weiß, aber nichts von ihnen zu befürchten hat …