Gilles Deleuze

Der französische Philosoph Gilles Deleuze (1925 bis 1995) schrieb in den 1970er Jahren, in denen auch die Anfänge des Internet liegen, einen Essay über das Rhizom. Das Wort bezeichnet ein pflanzliches Wurzelgeflecht, das er modellhaft für eine Wissens- und Weltorganisation verwendete, alternativ zum weit verbreiteten Baum-Modell, von dem aus wir (in fataler Verstümmelung) jene hierarchischen Strukturen entwickeln, mit denen wir uns selbst bedrohen.

Von Deleuze ist auch zu erfahren, dass Philosophie kein Zeitvertreib kluger Köpfe ist, sondern ein stets und höchstpersönlichster existenzieller Überlebenswunsch. Den seinen ankert er in das Rhizom, das für ihn, wie jedes Gefüge, aus Sachverhalten, Äußerungen, Territorien und Bewegungen der Deterritorialisierung besteht. Ist es für ein entfachtes Bewusstsein vielleicht besser geeignet, dem Allgemeinwohl zu dienen? Gefüge aber werden nicht irgendwie, sondern unsere Wünsche konstruieren sie.

Und Philosophie als Versuch, die Welt zu deuten, erschafft Begriffe: „Philosophie ist genau das: Problem plus Begriff. […] Ein Philosoph macht denkbar, was nicht denkbar ist, so wie Maler nicht das Sichtbare wiedergeben, sondern etwas sichtbar machen, was bis dahin nicht gesehen wurde. Und während der Maler Farben und Striche zu Bildern komponiert, muss der Philosoph in seiner Arbeit Begriffe erfinden. […] Ein schlechter Philosoph äußert nur Meinungen. Er erfindet keine Begriffe. Er wirft keine Probleme auf. […] Wenn du weder Begriff noch Problem hast, dann bleibst du dumm und das war’s.“

Einer seiner Begriffe ist das ‚Linkssein’, den er mit einer Bedeutung belegt, die es nicht nur dem Verfallsdatum entzieht, sondern in die Zukunft schickt: die vakante Zukunft in diesen Begriff. Mit ‚Linkssein’ verbindet Deleuze die Abkehr vom anthropozentrischen Denken mit einer Umkehr der Perspektive, der bislang bevorzugten Richtung der Wahrnehmung von mir aus auf die Welt, hin zu einer Wahrnehmung von der Welt her auf mich:  „Du siehst zuerst den Horizont und du weißt, dass das unmöglich andauern kann, diese Milliarden von Menschen, die verhungern, das kann nicht andauern und nicht im Namen der Moral, sondern im Namen der Wahrnehmung selbst.“      

Kann sein, aus dieser Art Wahrnehmung erwächst in rhizomen Strukturen eine neue Art, die Welt zu deuten. Falls nicht, sieht es übel aus. Aber der Philosoph ist von einer Geschichte des Denkens überzeugt, von der Möglichkeit der menschlichen und damit einer geistigen Entwicklung. Darin sieht er Zukunft. Im Z! Im letzten Buchstaben des Alphabets, mit dem sich aller Anfang begründen lässt: „Z ist das Zickzack, Z wie Verzweigung. Es ist vielleicht die allerste Bewegung, die die Erschaffung der Welt eingeleitet hat. Die Physik beschreibt das Phänomen der Dunkelentladung zwischen zwei Potenzialen, ein dunkler Vorbote, mit dem, als er sich abzeichnet, die beiden Potenziale in einen Zustand der Reaktion kommen. Zwischen ihnen blitzt es auf, das Z. Der Urknall ist das Z. So erwacht die Welt.“

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