Sichtweisen

1

In knisternder Stille öffnet sich das Jahr. Oder mit einem Gongschlag. Im Nachhall erfroren? Die Kälte verrätselt das Arrangement. Sind es Gefäße? Sind es Kerzen? Andere Objekte? Aufreizend in den Gegenfarben Orange und Blau, muten sie an wie ein Gedeck für Zwei. Der Abstand dazwischen ist groß genug, um beide wie absichtlich auseinandergerückt erscheinen zu lassen. Wie eine Metapher für eine Beziehung, die der Eisigkeit nicht ausgeliefert ist, sondern sie erst hervorgebracht hat, erstarrt in einer trostlosen Endgültigkeit. Aber es ist doch erst Januar, der Gongschlag, der das Jahr eröffnet! Vielleicht deswegen fängt das Verfrorene zu schwingen an, um sich in Resonanz vom Untergrund loszueisen und aufeinander zu zu gleiten …

2

Länger als ein halbes Leben stelle ich mir die Frage nach dem Grund von Schönheit in der Natur. Anmaßend wäre die Vorstellung, beide hätten sich mir zuliebe verbunden. Komme ich nicht ganz spät ins Spiel? Wer vor meinem Erscheinen auf der Bildfläche der Evolution hat sich an dieser Liaison ergötzt? Wer außer mir nimmt sie in der Nische zwischen kleiner und großer Welt wahr? Sind es die darin beheimateten Wesen – eine Blüte zum Beispiel oder ein Schmetterling oder ein windgeschaukeltes Blatt – denen ich die Fähigkeit eigener Wahrnehmung abspreche? Bleibt es ein Rätsel, dessen Lösung augenscheinlich mehr Menschsein braucht, als ich mir im Moment vorstellen kann. Oder finde ich sie eines Tages? Was fange ich dann mit ihr an? (Ver)ändere ich mich?Werde zum Beispiel demütig? Oder finde den bisher vergeblich gesuchten Einklang mit dem vielfältigen Universum und (er)lebe ihn wie ein (fast) müheloses Vergnügen, wie einen fristlosen Aufenthalt …

3

Dieses Flechtengewächs scheint in Zeit erstarrt. In Wirklichkeit ist es nur deutlicher dem Augenblick entzogen. Langweilt es mich in seiner Reglosigkeit? Wenn ich mir keine Mühe gebe, ganz gleich welcher Lebensform gegenüber, ist das wahrscheinlich. Wenn ich es beachte, ist das Erstaunen nicht mehr weit. Mit dem Blick für seine feinförmige Struktur lockt es mich. Als nächstes bemühe ich gesammeltes Wissen. Dass es sich um eine symbiotische, eine zum Vorteil beider gereichende Lebensgemeinschaft zwischen einem Pilz und photosynthetisch aktiven Grünalgen oder Cyanobakterien handelt, bringe ich in Erfahrung. 25 000 Arten davon gibt es weltweit, hierzulande ungefähr 2000. Ein Licht sollte mir spätestens aufgehen, wenn ich entdecke, dass diese wechselwirkenden Pärchen viel Weiterreichendes hervorbringen als die daran Beteiligten für sich. In der Symbiose erreichen sie ein gemeinsames Alter, das die Lichenologen, die Flechtenkundler, auf viele Hundert bis Viertausendfünfhundert Jahre schätzen. Was für ein Ausmaß von Zukunft, das in seiner Genügsamkeit keine Provokation sein kann, nur eine Herausforderung.

4

„Bitte recht freundlich!“, scheint die Fotografin der hier versammelten Gemeinschaft der Schlüsselblumen zugerufen zu haben. Es mögen wenige sein, die eine Kommunikation zwischen Pflanzen und Menschen für möglich halten und noch weniger, die sie herstellen können, aber dass Pflanzen auf Akustisches reagieren, auf Musik ganz bestimmt, ist hinlänglich bekannt. Also ist das ‚Lächeln‘ der Abgelichteten mit all ihrer Blütenkraft der Fotografin entgegen ebenso denkbar. Mehr noch, sie scheinen sich exklusiv für diesen Fototermin eingefunden zu haben. Oder gar ihn anberaumt zu haben? Das geht aber jetzt wirklich über ein vernünftiges Maß an Vorstellungskraft hinaus. Stimmt! Der Waldhintergrund jedenfalls und die von seinem Rand her geschickt den Vordergrund mit ihm verbindende Wiesenfläche ist ein einem Fotostudio würdiges Arangement. Nur dass der Arrangeur sich hier den Luxus tatsächlicher Entfernungen geleistet hat. Und in dieser Komposition sollen die ‚Hauptpersonen‘ zufällig ins Bild ‚gepasst‘ haben? Wenn ich ehrlich bin, stehen sie wie gerufen. Und neuderdings verspüre ich Demut vor der Art und Weise solch gegenseitigen ‚Verständnisses‘ und vor der Zeit – Tage? Monate? Jahre? Jahrzigtausende? – die vergangen sein muss, um Sender und Empfänger in Einklang zu bringen. „Danke recht freundlich!“

5

Im Vordergrund ein Baumstamm, dahinter eine Säule mit Kapitell. Wie eine Imitation. Oder, in perspektivischer Bescheidenheit, wie der Hinweis auf den großen Unterschied zwischen natürlicher Gestalt und bewusster Gestaltung. Bewusst ist auch die Bank gesetzt. Mit Blick wohin? Auf Berge? In ein Tal? Über bestellte Felder? Auf geblümte Wiesen? Eine Stadt? Niemand schaut? Ich tu’s. Mit Ahnungen, die mir nicht gefallen. Weil ein Gewitter aufzieht oder die Erde erzittert oder verbrannter Müll meine Nase quält oder die Existenz eines Kernkraftwerkes meine Phantasie. Oder weil ein Flüchtlingslager oder eine Sklavenfabrik zu sehen sein könnten oder auch nur ein ganz normales Schlachthaus. Oder weil ich das Gras wachsen höre bis mir das Trommelfell platzt. Wäre da nicht diese Bank. An der Säule. Für eine andere Aussicht bestimmt.

6

Papier hat der Mensch als Tragfläche für Zeichen und Farben, für Schrift(en) und Bild(er) geschaffen und nach der rhizomen Papyrusstaude benannt. Erst wurden Pflanzenstreifen mit ihrem eigenen Saft verklebt und flach gepresst und geklopft. Später wurden Seidenabfälle mit Hanf, Lumpen und Pflanzenfasern gemischt, zerstampft, gekocht, gewässert, geschöpft, getrocknet, gepresst und geglättet. So soll es das erste Mal vor knapp 2000 Jahren am chinesischen Kaiserhof geschehen sein. Aus diesem ‚Schöpfungsakt‘ hervorgegangen, hat das Papier das Zeitalter der Schnelllebigkeit erreicht. Um darin, im Triumphzug der Displays, Monitore und digitalen Speicher abhanden zu kommen? Aber längst trägt diese wunderbare Fläche durch Formung und Gestaltung aus sich selbst heraus – eine etwa 1000 Jahre alte Kunst, die gleichfalls in China erfunden sein und in Japan ihren Namen bekommen haben soll. Aus ‚ori‘ (falten) und ‚kami‘ (Papier) entstand das Wort ‚Origami‘. Angenommen wurde, dass dem Papier ein Geist innewohne und es weder zerschnitten noch zerrissen werden dürfe, um ihn nicht zu verletzen. Nach einer japanischen Legende bekommt derjenige, der 1000 Origami-Kraniche faltet, von den Göttern einen Wunsch erfüllt.

7

 

alte stille

manchmal ist die stille müde
von den klagelauten zeiten
will sich nicht mehr länger zeigen
webt sich in die dinge ein

flüchtet aus verlärmten ohren

fühlt sich in beredtem schweigen

an, wie neu mit ihm geboren

lehnt sich an ihr kluges kind

8