Sichtweisen II

Im Vordergrund ein Baumstamm, dahinter eine Säule mit Kapitell. Wie eine Imitation. Oder, in perspektivischer Bescheidenheit, wie der Hinweis auf den großen Unterschied zwischen natürlicher Gestalt und bewusster Gestaltung. Bewusst ist auch die Bank gesetzt. Mit Blick wohin? Auf Berge? In ein Tal? Über bestellte Felder? Auf geblümte Wiesen? Eine Stadt? Niemand schaut? Ich tu’s. Mit Ahnungen, die mir nicht gefallen. Weil ein Gewitter aufzieht oder die Erde erzittert oder verbrannter Müll meine Nase quält oder die Existenz eines Kernkraftwerkes meine Phantasie. Oder weil ein Flüchtlingslager oder eine Sklavenfabrik zu sehen sein könnten oder auch nur ein ganz normales Schlachthaus. Oder weil ich das Gras wachsen höre bis mir das Trommelfell platzt. Wäre da nicht diese Bank. An der Säule. Für eine andere Aussicht bestimmt.

Papier hat der Mensch als Tragfläche für Zeichen und Farben, für Schrift(en) und Bild(er) geschaffen und nach der rhizomen Papyrusstaude benannt. Erst wurden Pflanzenstreifen mit ihrem eigenen Saft verklebt und flach gepresst und geklopft. Später wurden Seidenabfälle mit Hanf, Lumpen und Pflanzenfasern gemischt, zerstampft, gekocht, gewässert, geschöpft, getrocknet, gepresst und geglättet. So soll es das erste Mal vor knapp 2000 Jahren am chinesischen Kaiserhof geschehen sein. Aus diesem ‚Schöpfungsakt‘ hervorgegangen, hat das Papier das Zeitalter der Schnelllebigkeit erreicht. Um darin, im Triumphzug der Displays, Monitore und digitalen Speicher abhanden zu kommen? Aber längst trägt diese wunderbare Fläche durch Formung und Gestaltung aus sich selbst heraus – eine etwa 1000 Jahre alte Kunst, die gleichfalls in China erfunden sein und in Japan ihren Namen bekommen haben soll. Aus ‚ori‘ (falten) und ‚kami‘ (Papier) entstand das Wort ‚Origami‘. Angenommen wurde, dass dem Papier ein Geist innewohne und es weder zerschnitten noch zerrissen werden dürfe, um ihn nicht zu verletzen. Nach einer japanischen Legende bekommt derjenige, der 1000 Origami-Kraniche faltet, von den Göttern einen Wunsch erfüllt.

 

alte stille

manchmal ist die stille müde
von den klagelauten zeiten
will sich nicht mehr länger zeigen
webt sich in die dinge ein

flüchtet aus verlärmten ohren

fühlt sich in beredtem schweigen

an, wie neu mit ihm geboren

lehnt sich an ihr kluges kind

Sich die Welt in einem Wassertropfen vorzustellen, hat immer schon die Menschen fasziniert. Ein Mathematiker hat vielleicht die geringste Mühe, sie darin unterzubringen. Er benutzt ein geometrisches Werkzeug und nennt sein Kunststück „Inversion“. Neue Untersuchungen deuten darauf hin, dass Wasser über ein ‚Gedächtnis‘ verfügt und verschiedene Arten von Wasser sogar miteinander kommunizieren. Wasser reagiert im Kontakt mit Musik oder Schwingungen oder Pflanzen oder Mineralen und scheint sie sich zu ‚merken‘. Mit dieser Erkenntnis lassen sich Vorgänge in lebendigen Zellen besser verstehen und ebenso ein Austausch zwischen Wasser und Welt. Gern folge ich Hans Christian Andersen in sein Märchen „Der Wassertropfen“, in dem ein Zauberer in einem eingefärbten Tropfen Abwasser unter einem Vergrößerungsglas „Paris oder eine andere große Stadt“ erkennt, in der „der Eine den Andern puffte und stieß, hackte und schnappte, biß und zerrte“ und wo „was unten war, nach oben, und was oben war, nach unten [sollte]“.