mit und ohne Günter Grass

Auf dem Weg zum Friseur erfahre ich aus dem Autoradio, dass heute Günter Grass in einer Lübecker Klinik an Lungenentzündung gestorben ist. Es ist eine Sendung, in der zu seiner Person und seinem Werk gesprochen wird und ich erspüre (in Zeiten, wo Kultur zum Event verkommen ist, in denen Intellektualität in Hörsälen und Studierstuben ein beschämendes Fortsein fristet und Sendungen über Literatur und Literaten ohne besonderen Anlass undenkbar sind) schon den traurigen Grund, den der konsequente Imperfekt der nächsten Sätze bestätigt.

Noch vergangene Woche saß ich in der Deutschen Nationalbibliothek und las für einen eigenen Text in „Mein Jahrhundert“, in dem Günter Grass für die Jahre 1903 und 1954 zwei Zeitzeugen seine literarische Stimme leiht, um das erste Endspiel zur Deutschen Fußballmeisterschaft mit einem souveränen 7:2 Sieg des VfB Leipzig gegen den DFC Prag und den Endspielsieg nachkriegsdeutscher Bundesrepublikaner bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz zu kommentieren.

Nur vier Wochen ist es her, als ich mit einem Schulfreund Günter Grass während der Leipziger Buchmesse auf dem Blauen Sofa des ZDF erlebte, wo er sein neues Projekt „Freipass“ vorstellte und, durchdrungen vom Weltgeschehen wie eh und je, Sätze sagte wie:

„Ich nehme das Älterwerden auch als einen Gewinn. Früher war die Tatsache, dass das Frühjahr kommt, für mich eine Selbstverständlichkeit. Das hat sich grundsätzlich geändert. Jedes Frühjahr beobachte ich, als sei es das letzte und schaue mir all meine Büsche an, wie sie anfangen zu knospen und sehe das als Gewinn an.“2015-03-14_01 Leipzig, Buchmesse, Günter Grass

Zur Demokratie: „Es ist in jedem Fall so, dass wir immer weniger Demokratie haben, die Demokratie und die Entscheidungsfreiheit der Bürger an die Wirtschaft, an die Finanzwirtschaft an die Lobby übertragen haben.“

Zur inzwischen verlorenen Hoffnung auf einen Regierungswechsel in Israel: „Ich vertrete die Meinung, dass wir auf Grund der von Deutschen begangenen Verbrechen nicht nur Israel gegenüber eine Verantwortung haben, sondern auch gegenüber den Palästinensern, denn die sind (nicht zuletzt wegen fortwährender aggressiver Landnahme durch die Israelis) die eigentlichen Leidtragenden der deutschen Politik. Und wenn die Kanzlerin sagt, die Parteinahme für Israel gehört zur Staatsräson, möchte ich sie bitten, wahrscheinlich um keine Antwort zu bekommen, auch bitte Palästina mit einzuschließen.“

 

Den vermuteten Dialogverzicht der Kanzlerin begründete Grass mit einem 2013 von der Schriftstellerin Julie Zeh initiierten und bis heute unbeantwortet gebliebenen offenen Brief mehrerer Autoren, in dem sie Wege heraus aus dem von Edward Snowden aufgedeckten von den USA installierten globalen Überwachungssystem suchen. Für ihn war das „eine Missachtung der Literatur, wie ich sie noch nie erlebt habe. Als Mitte der sechziger Jahre der damalige Kanzler Ludwig Ehrhard Rolf Hochhuth und auch mich und auch andere Schriftsteller als ‚kleine Pinscher‘ beschimpfte, gab es einen Aufstand in der Öffentlichkeit. Davon ist heute nicht die Rede. Hier die Medien, Sie gehören mit dazu, Sie nehmen diese Unverschämtheit der Kanzlerin hin, dass sie diesen wichtigen Brief nicht wahrnimmt und nicht beantwortet.“

Auf die Frage, was ihn aktuell beschäftige, sagte Grass: „Was mich umtreibt, ist die zunehmende Handlungsunfähigkeit der Politik. Das ist natürlich auch Folge des Neoliberalismus, wo man mehr und mehr politische Macht und Handlungsmöglichkeit von gewählten Parlamentariern über die Lobby erst an die Wirtschaft und später hauptsächlich noch an die Finanzwirtschaft übertragen hat. […] Wenn man sagt, der Islam gefährdet die Demokratie: eine Luftblasenbehauptung. Wenn etwas die Demokratie gefährdet, dann ist das hier, hausgemacht, indem immer mehr Rechte von Bürgern in Bezug auf Terrorakte geschmälert werden. Indem man sich handlungsunfähig gibt gegenüber der Tatsache, dass wir alle, die wir Handys haben und mit dem Zeugs rumwirtschaften, Gefangene dieses Netzwerkes sind, das von den Amerikanern und Briten in Zusammenarbeit mit unserem Bundesverfassungsschutz uns überwacht. Das sind die Dinge, die uns wirklich gefährden.“

Zur brisanten Lage in der Ukraine weist Grass auf die Entwicklung der Sowjetunion und Russland nach 1989 hin: „Gorbatschow hat man die Mittel nicht bewilligt, die dann Jelzin bekam. Unter Jelzin sind all diese Oligarchen an die Macht gekommen. Diesen Apparat hat der Saubermann Putin übernommen, […] ein Despot normalen Durchschnitts wie wir sie überall in der Welt finden und der auf bestimmte Dinge reagiert. Man muss Russlandversteher sein, um dazu zu kommen, sich zu überlegen, welche Fehler wir gemacht haben. […] Warum hat man nach 1989 die NATO nicht aufgelöst und von vornherein ein Sicherheitsbündnis gemeinsam mit Russland angestrebt?“

Zu den Reparationsforderungen der Griechen: „In der Sache haben die Griechen schon Recht. Erst haben die Italiener unter Mussolini versucht, Griechenland zu besetzen, wurden von den Griechen zurückgeschlagen. Dann sind die Deutschen einmarschiert, unterstützt von Bulgarien und Italien. Von allen drei Seiten, führend natürlich vom Großdeutschen Reich aus, sind unermessliche Verbrechen begangen worden, und man hat die Griechen gezwungen, einen Kredit an die Deutschen zu zahlen. Der ist bis heute nicht abgegolten. Dass Griechenland in dieser Notlage, in die sie sich selber gebracht haben, die aber noch verschärft worden ist von der Troika zu Ungunsten der Breite der Bevölkerung, dass die natürlich zu den letzten Mitteln greifen, das muss man verstehen, damit man sie auch begreifen kann, wo sie hingeraten sind, auch durch unser Zutun. […] Man muss sich da nicht wundern, wie dort auf eine ungewollte und ungewünschte Art und Weise eine Deutschenfeindlichkeit entsteht.“

Auch zu den in Dresden begonnenen Pegida-Protesten wurde Grass befragt, ohne die wir meiner Überzeugung nach mitten im tagtäglichen Rassismus immer noch verheuchelte Sonntags- und Willkommensreden von unseren Politikern hören würden. Inzwischen setzen sie sich, wenn auch zähneknirschend, mit den unbequemen Ursachen kontinentaler Flüchtlingsströme auseinander, von denen wir, auch da bin ich ganz sicher, erst die allerersten Anfänge erleben.

Zum Pegida-Vorwurf der ‚Islamisierung‘ wünschte Grass sich eine souveräne Reaktion, den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ hielt er für eine Übertreibung, obwohl „unsere Presse mittlerweile einförmig geworden ist. Die Vielfältigkeit unserer Presselandschaft hat gelitten. Das ist ein Verlust. Es gibt bestimmte Themen, die sind tabuisiert. Das sind alles Dinge freiwilliger Art, die man macht.“ Im Übrigen hoffte er, „dass sich im rechten Zentrum keine intellektuelle Macht aufschwingt“, so wie in Frankreich. Dann, denke ich, hätten die Rechten in Deutschland sofort einen Zulauf von einem Drittel der weitgehend frustrierten Wählerschaft.

Ich gehöre nicht zu den eifrigen Grass-Lesern und verstand noch nie, warum so wortmächtige und phantasievolle Menschen freiwillig zu Gehilfen politischer Parteien werden und einfach nicht wahrhaben wollen, dass diese Parteien längst Sackgassen in Nationalstaaten sind, in denen vor allem Nationalismus wächst, mit all seinen Auswüchsen, in denen sich unsere Zukunft zum Glücks- und Machtspiel verheddert. Auch halte ich reflexhaft Abstand, wenn eine Person Instanz zu werden droht, aber die Äußerungen von Günter Grass auf dem Blauen Sofa übertrugen einen positiven Impuls.

Auf dem Heimweg kaufe ich in einem Bäckerladen ein halbes Brot. Im Ganzen für 2,10 Euro, ist es nur ein paar Cent teurer als beim Discounter aber deutlich preiswerter als in anderen Backshop-Ketten. Als die Verkäuferin nur einen Euro verlangt, weise ich sie auf das offensichtliche Minusgeschäft hin, das an der Supermarktkasse ein Kündigungsgrund sein dürfte. Sie lächelt gar nicht verlegen, und die fehlenden fünf Cent muss ich ihr buchstäblich aufdrängen.

Den Laden verlasse ich ahnungsvoll: Dass Kultur- und Werteverfall nicht alles und jeden zugrunde richten. Dass der kleine Rest Grundanständigkeit, der beim Teilen und Herrschen übrig bleibt, es sein könnte, der mir – mit und ohne Günter Grass – den Arsch rettet aber mit ihm – mit dem, was von ihm bleiben wird – noch den einen oder anderen mehr.

Ein Gedanke zu “mit und ohne Günter Grass

  1. Ja, Grass war ein streitbarer und nicht immer geradliniger Poet. Sein Engagement für Willy Brandt und dessen Ostpolitik habe ich für sinnvoll gehalten. Die Tatsache, dass er für seine Überzeugung einstand, auch als der Mainstream ihn wütend bekläfft hat, war sehr ehrenhaft und ist leider heute selten geworden. Gerade auf der Leipziger Buchmesse war deutlich zu erkennen, dass die Moderatoren versucht haben, ihn und z. B. Jean Ziegler oder Gabriele Krone-Schmalz zu diffamieren oder lächerlich zu machen. Günter Grass hinterlässt eine Lücke, die gerade im jetzigen Moment schmerzlich deutlich wird. Man muss ihn nicht glorifizieren, aber meine Hochachtung wird bleiben.

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