„Randland“

Randland“ ist der Titel eines Dokumentarfilms, der vorgestern beim „55. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm“ seine Weltpremiere hat. In Spielfilmlänge zeigt das Team um die Regisseure Leopold Grün und Dirk Uhlig eine Dorfgemeinschaft im Mecklenburgischen, die aufgehört hat, an den Kapitalismus zu glauben und die, weil sie das tut, ihn bemerkenswert überwindet. Zugunsten eines in den Worten des amerikanischen Ethnologen und Mitinitiators der Occupy-Bewegung David Graeber „elementaren Kommunismus“, den er als „Rohstoff des Zusammenlebens“ betrachtet, als „geteilte Geselligkeit […], auf der alles andere errichtet“ wird und die nach seiner historischen Analyse der ökonomischen Verhältnisse jede Gesellschaft durchzieht.

In der Mecklenburger Dorfgemeinschaft geschieht das auf erstaunliche Art und Weise. Es gibt kein Gezeter, keine Revolte und keine Resignation. Weder vom Tüftler und Angler-Philosophen Harry, der für jeden Geräte repariert, weder von Gabi, die fünf Kinder und zwei Pferde durchbringt, weder vom Zeitarbeiter Maik, der sich mit einem erbärmlichen Tariflohn durchschlägt, weder von Cordula, die spät und hier die Liebe gefunden hat, weder von dem Jugendlichen Uli, der ohne Lehrstelle ist und mit seinen Geschwistern die Gegend durchstreift, noch von Bauer Maxe, der außer der „roten Scheiße“ manch Gutes an alten LPG-Zeiten findet.

Jeder von ihnen erlebt, dass sich das erwärmende Gefühl von Beheimatung im Koordinatensystem von zielsicher umherirrenden Gewinn- und Verlustrechnern niemals einstellen wird, denn es erwächst aus einer vollständigen Landschaft, die die Sinne tränkt, die sich in Lungen und Seelen senkt und sie frei macht von flachem Gehechel. So entstehen, unvermutet und fortwährend, Lustmomente aus einer vermeintlichen Tristesse, und statt zerfetzter Augenblicke ergibt sich eine Gemeinsamkeit, die weit schwerer wioegt als eine Notgemeinschaft.

Randland“ gaukelt keine ländliche Idylle vor, sondern eröffnet als Fingerzeig für jeden, der gewillt ist, über unsere Verhältnisse nachzudenken, über die wir bisher nur leben und der herausfinden will, wie sich eine brauchbare Zukunft anfühlen könnte, behutsam, präzise und mit Vergnügen „Beziehungen von Mensch zu Mensch, die“, nochmals Graeber,„unterschiedlich ausgeprägt und unterschiedlich intensiv nach dem Motto ‚jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen‘ funktionieren“.

Es wäre zu wünschen, dieser Film gewinnt den Wettbewerb in seiner Kategorie, allein die Jurymitglieder mit ihren linearen Biografien werden diesem mehrschichtigen Werk wohl nicht gewachsen sein. Weder der 1964 in Stuttgart gebürtige, heute in Potsdam-Babelsberg praktizierende Filmprofessor Stephan Krumbiegel, weder der 12 Jahre jüngere Theaterwissenschaftler und Filmkritiker Matthias Dell, noch die 1963 in Ostberlin geborene Prodzentin und Regisseurin Annekatrin Hendel, die im vergangenen Jahr verlauten ließ: „Ich habe die Mauer nicht als gegen mich empfunden und mich frei bewegt. Das hat mir jegliches berufliches Fortkommen versaut und ich landete statt im Hörsaal in der Produktion am Fließband. Das hat mich verängert […]“. Was geht ihr durch den Kopf, wenn Bauer Maxe sich die Mauer wieder vorstellen kann.

Nachtrag:

Am gestrigen 3. November 2012 wurden die Preise vergeben. „Randland“ wurde mit keinem Haupt- oder Nebenpreis bedacht und mit keinem Jurywort erwähnt.

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