InkriT-Tagung 2015

Die deutschen theoretischen Marxisten, von Fritz Haug seit Jahren weitgehend und geschickt um sein Lebenswerk, das „Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus“, gruppiert und zugleich am Tropf gehalten, sind wieder ein Jahr älter geworden. Mein Entschluss auch dieses Jahr am Plenum teilzunehmen, ergab sich aus dem Thema „Mensch-Natur-Verhältnisse“.

Gestern führte Fritz Haug mit Begriffen wie ‚Exkremente der industriellen Revolution‘, ‚artifizielle Intelligenz‘ und ‚Anthropozän‘ oder ‚Kapitalozän‘ anstelle von ‚Holozän‘ für das gegenwärtige Erdzeitalter in das Thema ein. Seiner Ansicht nach verhält die Natur sich in Wechselwirkung mit dem Menschen als Subjekt. Nachgehen will ich Haugs Hinweis auf den französischen Soziologen und Philosophen Bruno Latour (geboren 1947) und seiner 2001 in Deutsch erschienenen Schrift „Das Parlament der Dinge“.

Den ersten Vortrag hielt der deutsche Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Günter Dux (geboren 1933) zur (säkular verstandenen) Fragestellung: „Wie kommt der Geist in die Welt?“ Seiner Überzeugung nach denkt das Gehirn nicht, kann Geistigkeit in der Natur nicht verortet werden. Der Schlüssel für die menschliche Lebensform (die sich Denken, Sprache und Handeln von allen anderen bekannten Lebensformen abhebt) liege in der Evolution. Warum wir denken? Infolge eines Hiatus, einer entstandenen Kluft oder Lücke  zwischen Mensch und Welt im Laufe der Evolution. Bewusstsein könne nicht auf organischer Ebene entstehen, sondern erst in der medialen (Denken und Sprache), in der es sich konstruktiv bildet, vermöge der anthropologischen Verfassung des Menschen, vermöge der Praxisformen seiner Lebensführung und vermöge der Organisationsformen der Umwelt, in die sie gerichtet ist. Wie biologisches Bewusstsein (bei Mensch und Tier) entsteht, bleibt für Dux weiter ein Rätsel.

„Gleich klassischen Größen wie Arnold Gehlen oder (seinem Lehrer) Helmuth Plessner, aber im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen läßt Dux sich nicht auf die Arbeitsteilung zwischen theoretischer Immunisierung gegen die Gegenwart und einem pedantischen Versinken darin ein, mehr noch: Er versucht mit seiner „historisch-genetischen“ Methode, eine Theoriegattung in der Bundesrepublik heimisch zu machen, die Wissen und Denken verbindet“, schrieb Elke Schmitter schon 1994 in DIE ZEIT.

Es folgte ein Vortrag des Schweizers Hans-Jörg Rheinberger (1946 geboren) über „Synthetische Biologie“. Enkel des Liechtensteiner Künstlers und Architekten Egon Rheinberger, war Hans-Jörg Rheinberger von 1997 bis 2014 Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Er weist auf das Buch „Das Gotteshandwerk“ des Philosophen und Chemikers Joachim Schummer hin. Seiner Meinung nach kann in der Forschung auf diesem Gebiet von ‚gezielter Gestaltung‘ keine Rede sein. Derzeit handele es sich um ein auf Zufälle angewiesenes ‚Herumbasteln‘. Das, was vom Machbaren getan wird, müsse künftig die ganze Gesellschaft entscheiden, keine Insitute, Konzerne oder Politiker.

Den heutigen Vormittag eröffnete Bernd Scherer, Intendant am Berliner „Haus der Kulturen“. „Es geht uns um einen neuen Kosmopolitismus, wo sich Bürger mit ihren lokalen Wurzeln in einer globalen Welt verorten“, sagte er 2014 in einem Interview anlässlich des 25jährigen Bestehens der Einrichtung. „Mit einem nationalen Kulturverständnis kommt man nicht mehr weiter. Wir haben hier die Aufgabe, Ideen zu entwickeln in einer sich unglaublich schnell verändernden Zeit“ und: „Wir arbeiten wie ein Seismograph. Wir liefern der Gesellschaft neue Perspektiven auf die Welt.

Im Vortrag sprach Scherer zum Anthropozän, derzeit ein Projekt an seinem Haus. Durch Transformationsprozesse werde der Mensch zum Veränderer der Erde, mit Hilfe fossiler Brennstoffe wie Kohle und Öl, mit Hilfe von Technologien, mit Hilfe des Kapitalismus, der über Kredite, die er bei der Natur aufnimmt, die Zukunft in die Gegenwart zieht. (Anstatt die Gegenwart in die Zukunft auszuweiten.) Wir verbrauchen heute die in Jahrmillionen entstandene und für das Leben auf der Erde notwendige Atmosphäre und kehren damit die von der Natur zurückgelegte Wegstrecke um, kommentierte Fritz Haug.

Der thematische Block der Konferenz endete mit einem Vortrag des Politikwissenschaftlers Elmar Altvater (geboren 1938), der nach seiner Emeritierung 2004 weiter am Berliner Otto-Suhr-Institut aktiv ist, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, 2006 Vorsitzender des Ständigen Volkstribunals gegen europäische transnationale Unternehmen, SDS-Mitglied in der 1968er studentischen Bewegung, 1980 Gründungsmitglied der Partei Die Grünen, seit 2007 Mitglied bei Die Linke. Mit seinem 2005 erschienenen Buch „Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen“ will Altvater nicht nur den Kapitalismus kritisieren, über ihn hinaus denken und Alternativen entwickeln.

Für Altvater ist die Bezeichnung ‚Anthropozän‘ ein ‚verkitschter Begriff‘. von ‚Kapitalozän‘ sollte gesprochen werden, um das gesellschaftliche Naturverhältnis aufzudecken, das für die Situation der Erde und der Menschheit verantwortlich ist. Im Wort ‚Geschichte‘ stecken die ‚Schichten‘, die wir in unserem Handeln und Wandeln auf- und abtragen. Das Kapital, und das ist fatal, rechnet in seinen Bilanzen die Natur als Gratisgabe. Weil nur Arbeit und nicht Natur als wertbildend in seine Berechnungen eingehen, schafft es eo ipso die Voraussetzung für ihre Zerstörung.

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