InkriT-Tagung 2014

Das Akronym InkriT steht für „Institut für kritische Theorie“, eine wissenschaftliche Einrichtung der Freien Universität Berlin. Anlässlich des 60. Todestages von Antonio Gramsci wurde es 1997 im Jagdschloss Glienicke gegründet.

Den Eingang zum Internet-Portal des Instituts flankieren Zitate von Bertolt Brecht: „Die Widersprüche sind die Hoffnung“ und Antonio Gramsci: „Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“. Seine Aufgabe sieht es „in der Förderung kritischer Theorie, wie sie sich in unterschiedlichen Ausprägungen und in Wechselwirkung mit sozialen Bewegungen seit dem 19. Jh. entfaltet hat. Unter den Bedingungen fortgeschrittener Globalisierung betreibt es in internationaler wissenschaftlicher Kooperation kritisch-theoretische Studien und Forschungen“.

Initiator, Mitbegründer und inspirierender Geist des InkriT ist der marxistische Philosoph Wolfgang Fritz Haug, den ich während der diesjährigen Leipziger Frühjahrsmesse kennenlernte. Daraus ergab sich meine Teilnahme an der internationalen Konferenz, die das Institut seit seiner Gründung jährlich durchführt. In der vergangenen Woche fand sie zum Thema „Widersprüche des Hightech-Kapitalismus“ am schönen Berliner Wannsee statt.

Die InkriT-Tagungen gelten vor allem der kontinuierlichen Arbeit an einem „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“, das 1983 als deutsche Ergänzung des französisch geprägten „Dictionnaire Critique du Marxisme“ begonnen wurde, seit 1994 aber ein eigenständiges internationales, auf 15 voluminöse Bände mit über 1500 Schlagworten angelegtes Projekt ist, das bis 2021 komplett ediert sein soll. „Unter dem Eindruck des Zusammenbruchs des europäischen Staatssozialismus“ will es allen, denen der daraus hervorgegangene weltweite Sieg des Staatskapitalismus nicht geheuer ist, „eine Grundlage für die Aneignung marxistischen Denkens in seiner Pluralität und Widersprüchlichkeit“ schaffen.

So saß ich an zwei Tagen zwölf in Wörterbuch-Werkstätten, eigentlicher Kern der Tagung, in denen Begriffe wie Mathematische Manuskripte (von Marx), Methode, Mindesteinkommen, moralische Ökonomie, Musikanthropologie, Nahost-Konflikt oder Nationalstaat bearbeitet wurden. Die Absicht, sie nicht nur im marxistischen Kosmos kreisen zu lassen, hörte ich gern, die Diskurse indessen liefen für mich auf die Frage hinaus, ob Haug mit Marx die Menschheit oder Marx für die Menschheit retten will, die untergehen wird, wenn sie nicht endlich lernt, kollektive Verantwortung für den Planeten zu übernehmen.

Welf Schröter (l) und Andreas Umgelter
Welf Schröter (l) und Andreas Umgelter

Am Ende bin ich skeptisch, dass die hier versammelte Vernunft ausreicht, sich selbst als nur eine von vielen notwendigen Plattformen anzusehen, die sich bilden und mit anderen verknüpfen muss, wenn die Veränderung der (gesellschaftlichen) Verhältnisse gelingen soll, ohne die unsere Zivilisation mit allem, was ihr lieb und teuer ist, bald wieder von diesem Planeten verschwunden sein wird.

Ein Gedanke zu “InkriT-Tagung 2014

  1. Interessant – Vernetzungshilfe gefragt! Wir sollten uns mal zu einem kühlen Bierchen in L treffen! Oder Du kommst mal nach DD?!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.