Kermani in Leipzig

MOTIV 2015-10-21_01 Leipzig, Altes Rathaus, KermaniAm vergangenen Sonntag erhielt der Autor und Orientalist Navid Kermani in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels als, wie es in der Begründung des Stiftungsrats heißt, „eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft, die sich mehr denn je den Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft stellen muss, um ein friedliches, an den Menschenrechten orientiertes Zusammenleben zu ermöglichen“.

Gestern Abend stellte sich, einer kleinen Tradition folgend, der Ausgezeichnete im Alten Rathaus den Leipzigern vor. Ein qualifiziertes Gespräch mit ihm und ein großartiger Vortrag des zentralen Buchkapitels aus seinem letzten Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ von ‚The Voice‘ Christian Brückner, machten diese Veranstaltung zum besonderen Erlebnis.

Neu und wichtig für mich waren Kermanis Bemerkungen über den Wert von großen Traditionen und die gefährlichen Folgen bei ihrem Verlust, mit dem religiöse Eiferer und Fanatiker leicht die Oberhand gewinnen können. Allerdings klingelte ein kleines Vorsichtsglöckchen in meinem Kopf, weil ich mich bei dem gefeierten Auftritt hier und dem Sturm der Begeisterung in den Mainstream-Medien, der nach seiner Rede am Sonntag losbrach, alter DDR-Zeiten erinnerte. Wenn damals eine kritische Meinung auf offizielle Zustimmung stieß, durfte man ziemlich sicher sein, selbst falsch zu liegen.

Es scheint, dass der offenbar tief in christliche und islamische Werte und Traditionen verwickelte Kermani im Zusammenhang mit den neueren Ereignissen, in die jetzt wir verwickelt sind, ein wenig den Blick auf das Europa der Maßlosen und Selbstgerechten verloren hat und vergisst (oder gar nicht daran denkt?), die USA als eine wichtige Verursacherin und Triebkraft für die Konflikte im arabischen Raum zu benennen.

Besonders das Ende von Kermanis Rede, an dem er die Anwesenden in der seit 1944 konfessionslosen Paulskirche zur kollektiven Andacht nötigte, scheint die scheinheilige Rührung und Ergriffenheit ausgelöst zu haben. Erst mit dem freundlichen Hinweis auf einen von Johan Schloemann für die „Süddeutsche Zeitung“ verfassten Artikel, in dem er die der „säkularen Festgemeinde“ verordnete „kollektive Andacht“ einen „unerträglichen Übergriff“ nennt, kam mir der Gedanke, dass hier vielleicht ein weiteres und dieses Mal unter einen orientalischen Teppich gekehrt werden soll, was hierzulande gerade beginnt: eine Teilung des Volkes, die noch sehr gefährlich werden kann.

Eine kluge Politik müsste darauf aus sein, die polarisierenden Positionen von besorgten Abendländlern und offenherzigen Hereinrufern in einen fruchtbringenden, auf jeden Fall aber deeskalierenden Diskurs zu überführen. Nur fehlen die klugen Politiker und die Ratlosigkeit und Hilflosigkeit der vorhandenen verschwindet in populistischen Floskeln und schamlosen Gesetzen, die die innenpolitischen Anspannungen nur noch anheizen.

Wer und mit welcher Berechtigung bestätigt oder bestreitet per Ferndiagnose die Notsituationen, wonach ‚unnötig‘ Geflohene jetzt schnellstens abgeschoben werden sollen? Danach wird kaum noch jemand fragen, wenn es erst Schwarz auf Weiß angeordnet ist. In dieser Hinsicht sind wir Deutschen ein ganz besonders folgsames Volk. Nur machen die Anordner und Redenschwinger sich die Hände nicht schmutzig. Das Zurückverfrachten von Zigtausenden, die unserer zynischen Meinung nach daheim bestens aufgehoben sind, die Drecksarbeit also, die soll und wird wie immer das Volk erledigen. Oder auch nicht.

Ein Gedanke zu “Kermani in Leipzig

  1. Kermanis Rede war sehr interessant und sicher auch emotionsgeladen. Irritierend war für mich seine Aussage zur Bath-Partei in Syrien. Dank unserer Medien wissen wir sehr wenig über die Zustände im Assad-geführten Syrien vor den ersten Unruhen. Aber die ähnlich gelaufene Geschichte in der Ukraine zwingt uns, alle Informationen über die angeblich diktatorischen Zustände in Syrien mit äußerster Vorsicht zu bewerten. Ein von einer syrischen Bloggerin veröffentlichter Appel an Westeuropa zeichnet ein ganz anderes Bild als unsere Regierung uns weißmachen will. In der Sendung „Die Anstalt“ von dieser Woche wurden von Claus von Wagner auch die Zusammenhänge anders und logischer dargestellt. Vielleicht ist Kermani auch nur eine Propaganda-Figur wie die weißrussische Literatur-Nobelpreisträgerin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.