Können wir die Verhältnisse ändern?

Es ist unstrittig, dass derzeit Systeme die Welt beherrschen, in denen (ökonomisches) Wachstum, (nationale) Konkurrenz und (egozentrische) Individualisierung die Menschheit als globale Gemeinschaft in Frage stellen. Aus ihnen erwachsen immer neue Wirtschaftskrisen, Hungerkatastrophen und Gewalttaten. Gleichzeitig wird das Wohlstandsgefälle zwischen und innerhalb von Staaten immer größer. Immer mehr Menschen haben immer schlechtere Aussichten auf ein zufriedenes Leben.

Jeder Staat, der vorgibt, eine Nation zu schützen und zu repräsentieren, mag er sich auch für noch so offen und demokratisch erklären, ist begrenzt, ist mit dem Virus egoistischer Gier infiziert und nährt ihn, statt ihn auszumerzen. Es zeigt sich, dass das keine Frage des Wollens, sondern seinen Strukturen eingeschrieben ist, mit denen er zuerst immer sich (und nicht uns) am Leben erhält. Offensichtlich sind sie darauf ausgelegt, Grenzen zu ziehen, sich abzugrenzen und andere (Grenzen) zu verletzen. Obwohl nichts notwendiger wäre, als an ihnen entlang Kontakte zu knüpfen, Unterschiede zu respektieren oder auszugleichen.

So haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter auf den Homo oeconomicus und Homo avidus reduziert oder von gewählten oder selbst ernannten Anführern reduzieren lassen, die noch nie so bereit waren wie heute, für Gewinnmaximierung und Extraprofite die fernere Zukunft der Menschheit und die in Sichtweite vorhandene eigene auf dem Altar des ach so freien Marktes zu opfern, anstatt ein regionales oder gar globales Gemeinwohl ins Auge zu fassen.

So sind wir in einer schamlosen Verwertungsgesellschaft angekommen, angetrieben von Zuwachsraten und befallen von Wut, sobald sich jenseits der Grenzen, die wir dann versperren und bewachen so gut es geht, Unmut regt und Not und schiere Verzweiflung Zuflucht suchen und Einlass begehren, anstatt dankbar zu sein für Brosamen, die wir bei immer perfideren Beutezügen ausstreuen oder versehentlich fallen lassen. Unter den bürgerlich-demokratischen Fassaden der westlichen Industrieländer greift ein neuer Despotismus um sich und nach der Weltherrschaft. Dass ihm mit proklamierten Menschenrechten nicht beizukommen ist, ahnen wir, denn nur die, die sie permanent verletzen und sich gegen andere abgrenzen, haben einen Grund, sie als Recht zu setzen.

Bisher ist es keiner Revolution gelungen, diese Verhältnisse zu verändern. Immer nur haben sie Unerträgliches reproduziert. Immer hat sich die Hoffnung auf besseres Leben für alle nur für Minderheiten erfüllt, und die Revolutionäre sind es schließlich selbst, die im Erfolgsfall die blutig erkämpfte hoffnungsvolle UnOrdnung als Anarchie brandmarken und eilig wieder Zustände anstreben, die ihre eigene Macht zum eigenen Vorteil sichern.

Ist uns ein Zusammenleben möglich, das sich weiter entwickelt? Heraus aus den immer neuen alten Grenzen? Sind Verhältnisse möglich, in denen unsere fatalen Neigungen sich so verändern lassen, dass ein Weg in die Zukunft offen bleibt? Werden wir freiwillig und lustvoll auf unsere Selbstsucht verzichten können, weil sie uns einfach nur verdrießt?

Jean Ziegler ist dieser Meinung.

Ein Gedanke zu “Können wir die Verhältnisse ändern?

  1. Anmerkung:
    Carl Friedrich von Weizsäcker beschrieb in bemerkenswerter Voraussicht
    die Situation wie folgt:
    Die Menschheit wird nach dem Niedergang des Kommunismus das skrupellose und menschenverachtende System erleben wie es die Menschheit noch niemals zuvor erlebt hat, ihr Armageddon. Das System, welches für diese Verbrechen verantwortlich ist, heißt
    ‚unkontrollierter Kapitalismus‘.
    Laut von Weizsäcker ist das deutsche Volk:
    absolut obrigkeitshörig, des Denkens entwöhnt, typischer Befehlsempfänger, ein Held vor dem Feind aber mit totalem Mangel an Zivilcourage!
    Die Cliquen, denen diese Welt schon jetzt gehört folgen dem Motto:
    „Eine Welt, in der wir nicht das alleinige Sagen haben, die braucht es auch in Zukunft, nicht mehr zu geben.“
    (von Weizsäcker in „Der bedrohte Friede heute“; Hanser Verlag; München 1994)

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