lechts und rinks

Weil sich links und rechts in einer zur Kugel gekrümmten Sphäre ‚hinterrücks‘ berühren, überrascht es (mich) nicht, dass die, die sich für links außen halten, plötzlich am rechten Rand auftauchen. Oder was hat sich an der Magdeburg Universität vorgestern abgespielt?

Geplant war an diesem Abend ein Vortrag des Hirnforschers Gerald Wolf zum Thema Gender-Forschung. Der 2008 emeritierte Professor, bis dahin, seit 1992, Direktor des Magdeburger Instituts für Neurobiologie ist vielfacher Autor von Fach- und Sachbüchern, sowie dreier Wissenschaftsromane. Organisiert war die Veranstaltung von der AfD-nahen Hochschulgruppe Campus Alternative Magdeburg. Die Anwesenheit des sachsen-anhaltischen AfD-Chefs André Poggenburg rief einen linken Studentenmob auf den Plan, der die Veranstaltung aufmischte und den Vortrag verhinderte.

„Ich habe die Erwartungshaltung, dass Gehirn und logische Fähigkeiten für eine politische Auseinandersetzung eingesetzt werden und nicht für Krawall und teilweise Gewalt“, erklärte anschließend Sachsen-Anhalts CDU-Innenminister Holger Stahlknecht. Diese Erwartung sollte er an der Wirklichkeit, die offensichtlich an ihm vorbeigeeilt ist, überprüfen.

Natürlich ließ der AfD-Mann sich nicht lange um seine Meinung bitten. Genüsslich sprach er von einem „Lehrstück für fehlendes Demokratieverständnis“. Wer will es ihm verdenken bei so viel Hirnlosigkeit ringsum. Der Dekan Michael Dick zum Beispiel hat sich vor Begeisterung gar nicht wieder eingekriegt: „Unsere Studierenden zeigen Flagge und Haltung. Darauf bin ich stolz!“

Um ein wenig Struktur in die diffuse Szenerie zu bringen, empfehle ich (neben einem Klick auf Gilles Deleuze im Blog-Header), sich seine Definition des Links-Begriffs anzueignen. Mit ‚Linkssein’ verbindet Deleuze den Wechsel der Perspektive: nicht mehr die Deutung und Ordnung der Welt vom Ego aus, sondern der Blick von der Welt aus auf das Ich. Er ist die inzwischen überfällige Maßnahme, wenn wir die Zukunft erreichen wollen. Die egomanische Sichtweise nämlich hat uns in die fatale Lage gebracht, mit voller Geisteskraft de facto an unserer Selbstentfernung aus dem komplexen System Erde zu arbeiten.

Im Rechts-links-Klischee, in der Ideologisierung des Lebens, endet unsere Entfaltungsmöglichkeit in absehbarer Zeit – jedenfalls auf Erden. Allein deswegen legen die Religionen neue Konjunkturprogramme mit Heilsversprechen auf. Sie ändern nichts an der irdischen Sackgasse, in der wir stecken. Zwei, m. E. entscheidende Fragen stellen sich.

Die erste Frage ist, ob das im Moment die Welt beherrschende duale System aus Wachstumsökonomie und Nationalstaaten aus sich selbst heraus veränderbar ist oder ob eine völlige Umstrukturierung der Menschheit notwendig ist, um sich zu erhalten. Die, die heute, mitten im Schlamassel, „Wohlstand für alle“ fordern, meinen tatsächlich seine Verteidigung gegen Milliarden von Erdenbürgern, die mit leeren Mägen und kaputten Seelendavon höchstens träumen. Umverteilung zu ihren Gunsten steht für unsere Anführer nicht zur Debatte. Sie wollen mit allen Mitteln und aller Macht die Verhältnisse, über die wir leben, erhalten. Kann dieses System wieder ein Maß finden, mit dem ein globales Gleichgewicht möglich ist? Können die bisher immer weiter ausufernden Unterschiede in den Lebenschancen (von Menschen im Allgemeinen und von Lebewesen im Besonderen!) an gleichen Orten und in verschiedenen Regionen ausgeglichen werden? Nur dann ist ein Leben in Würde für jeden Menschen möglich.

 

Die zweite Frage ist, ob Anreize gefunden werden, damit diese notwendigen Veränderungen geschehen, bevor wir wieder in der Steinzeit ankommen. Wenn das nur gelänge, indem wir allesamt bessere Menschen werden, sind unsere Chancen gleich Null! Gibt es also ein Instrumentarium und wie kann es beschaffen sein, dass wir so, wie wir sind, bereit sind, angewöhnten Wohlstand und eingeredete Ziele gegen aussichtsreiche Ungewissheit einzutauschen?

Ich beobachte, dass immer mehr Menschen auf diese Fragen kommen und dass es bei der Antwortsuche immer weniger um rechts oder links geht. Denn sofort wäre dann die Frage, wo die Mitte ist. Im sphärischen Denken (und das sollten wir uns als bewusstseinsfähige Erdenwesen langsam angewöhnen) ist schon diese Frage schierer Blödsinn. Ernst Jandl: „manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum“

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