Marina Abramović

In Londons Serpentine Gallery, unweit einer Statue für Peter Pan, der traurig-beispielhaften Kunstfigur für alle ungeliebten Kinder, erschuf die in Jugoslawien geborene Partisanentochter Marina Abramović (1946) im vorletzten Sommer mit ihrer Performance 512 Hours für drei Monate an vier Wochentagen einen „zeitlosen Raum, in dem Menschen Stunden an Zeit mit mir verbringen können. Das Museum wird leer sein, keine Kunstwerke nirgendwo. Ich werde diesmal einfach alles weglassen, selbst ein Konzept“.

‚Künstler‘, nicht ‚Künstlerin‘, will sie genannt werden, weil „Kunst kein Geschlecht [hat]“ und sie „den Feminismus und alles, für was er steht, nicht leiden [kann], denn er stellt Frauen in ein Getto. Wenn, dann nennt mich ‚Kriegerin‘.“ Aber diesmal ritzt sie kein Pentagramm in ihren Bauch, läuft nicht mit voller Wucht gegen Wände, lässt sich nicht über Kerzen aufhängen, ohrfeigen oder mit Waffen bedrohen und sticht kein Messer in ihre Hand.

„Wir fürchten den Schmerz. Wir wollen nur Dinge tun, die wir mögen. Doch wer immer den Weg des geringsten Widerstandes geht, ändert nichts in seinem Leben und dreht sich im Kreis. Man muss im Leben Risiken eingehen, dorthin gehen, wo noch keiner war. Als Kolumbus nach Westen aufbrach, dachte man noch, die Erde wäre eine Scheibe. Er stach mit der Angst in See, irgendwann von der Erde zu fallen, und entdeckte Amerika. Als Künstler muss man bereit sein, von der Erde zu fallen.“

Noch früher, an ihrem 14. Geburtstag, schenkte der Vater ihr einen Revolver und sie träumte davon, die Mutter umzubringen, die ihr ganzes Leben kontrollierte.Nach beispiellosen Zumutungen, denen sie ihren Körper und ihre Seele über Jahrzehnte immer wieder ausgesetzt hat, liegt jetzt Schönheit wie ein Wahrheitsglanz auf ihr. Das vage Experiment in „Kensington Gardens“, das mitten in unserer SackgassenGesellschaft Verzicht in Bereicherung und Lärm in Stille umgewertet hat, ist Marina Abramović zum Erstauen ihrer Kritiker und Bewunderer vollauf gelungen. Umgeben von einem aufgeblasenen Kunstmarkt hat in ihren KunstRaum Sehnsucht zurückgefunden, Sehnsucht nach Berührung und innerer Einkehr. Sie legt den Blick auf ein Zeitalter diesseits vom aussichtslosen Materialismus frei und verheißt, was sich für Geld nicht kaufen lässt: Besinnung auf das eigene Ich.

„Nie hätte ich gedacht, dass sich so viele Menschen darauf einlassen würden. Vor allem nicht hier in England. Da bleibt man lieber reserviert, verschanzt sich im Zynismus.“ Jeden Morgen, pünktlich 10:00 a. m., öffnete sie die gläsernen Flügeltüren der Galerie, trat ins Freie und begrüßte jeden Gast persönlich: „Ich bin für Sie da. Ich verstecke mich nicht. Ich mache mich verfügbar.“