Pablo und Sylvette

 In der neuen Ausgabe der Zeitung kunst:art findet sich ein Beitrag über die Ausstellung „Sylvette, Sylvette, Sylvette“ in der Bremer Kunsthalle, dazu ein Foto aus dem Jahr 1954, auf dem die 20jährige Sylvette David abgebildet ist, die den 73jährigen Pablo Picasso zu einer Serie auch sehr intimer Portraits veranlasste. Eines, das ihr Gesicht im Profil zeigt, entdeckte ich 1969, als ich so alt wie die Portraitierte war, beim Durchblättern eines Bildbandes und verliebte mich unversehens. Neben dem Titel Sylvette ließ eine römische Ziffer auf weitere Bilder schließen.

Mir genügte dieses eine, scheinbar unverfängliche, um zu sehen, wie nahe die beiden sich waren und um die Lust zu verspüren, mit der sie einander erfühlten. Nun erfahre ich, dass Sylvette in jenen Tagen einen festen Freund hatte und Picasso zwischen der 15 Jahre währenden Beziehung mit Franҫoise Gilot und der lebenslänglichen mit seiner späteren Ehefrau Jaqueline Roque steckte.

Sylvette lernte er in Vallauris an der Côte d‘Azur in der Metallwerkstatt ihres Freundes Toby Jellinek kennen, dem er zwei Stühle abkaufte. „Es war eine zufällige Begegnung“, erinnert sich die heute 79jährige. „Picasso konnte mich regelmäßig sehen, wie ich Toby besuchte um ihm bei der Arbeit zu helfen. Toby hatte zwei Stühle entworfen, die er in der Töpferei und Galerie Madoura ausstellte, in der auch Picasso seine Keramikarbeiten präsentierte. Picasso kaufte die beiden Stühle und wir trugen diese zu seinem Haus.

Hier erinnere ich eine Gedicht-Interpretation von Werner Weber in seinem Tagebuch eines Lesers ein. Mit ihr entschlüsselt er die in wunderbarer Leichtigkeit und Eleganz von vier kleinen Strophen versteckte Liebeserklärung des Dichters Eduard Mörike an die Sängerin und Frau seines guten Freundes Agnes Strauß. Ein „Wunderstück der Diskretion“ nennt Weber das Gedicht, das sich den drei einander Verbundenen zweifellos erschlossen hat und dennoch ihre Liebe und Freundschaft nicht verletzte, alle Ahnungslosen aber mit kunstvollstem Wortwerk entschädigte.

Ein gemaltes, gezeichnetes oder fotografiertes Portrait gilt als gelungen, wenn es genau das Gegenteil ist, also indiskret. Um so mehr bewundere ich Picasso, der mit seiner vorgezeigten Nähe zu Sylvette ihre Beziehung zu Toby nicht zerstört oder verwirrt, sondern entwickelt hat. 

Toby und ich kauften eine schöne Wohnung in Paris, wo ich in den 1960ern gelebt habe. Die Wohnung war im Quartier de la Place des Vosges (Le Marais). Finanziert wurde der Kauf der Wohnung durch den Verkauf von Picassos Gemälde von mir. Wir begannen ein neues Leben.“

Er war traurig, als Françoise ihn mit den Kindern verließ und ich war eine neue Inspiration für ihn. Der kreative Prozess lässt einen alles vergessen: Sorgen, Schmerz und man ist in einer anderen Welt – es ist pures Glück. Ich stand ihm für ein paar Monate Modell. Dies waren die aufregendsten Tage meines Lebens, da ich nie studiert habe. Ich träumte gerne vor mich hin und ich denke, dass Picasso meine Unschuld und Ernsthaftigkeit gefiel.“

Innerhalb von drei Monaten entstanden ungefähr 40 Gemälde und Zeichnungen, von denen sie sich am Ende eines aussuchen durfte. An dieser Serie, in der Picasso mit unterschiedlichen Stilen und Techniken experimentiert, beeindruckt mich heute am meisten, wie er seine außergewöhnliche Begabung einsetzt: nicht besitzergreifend, sondern um Zuneigung als unentbehrlichen Wert zu vermitteln.

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