TotenQuoten

Ich empfehle, Flüchtlingsquoten nicht für die Lebenden festzulegen, sondern für die Toten, für die, die auf der Flucht nach Europa umkommen. Unsere jahrzehntelang perfektionierte Bürokratie soll sie per Schlüsselzuweisung auf die wohlhabenden Länder verteilen. Danach soll jedes Land selbst entscheiden, wie es mit ihnen umgeht. Ob es sie klammheimlich in Massengräbern verscharrt oder ob es ihnen mit einem Staatsbegräbnis nachtrauert – um nur zwei Beispiele für eine mögliche Endversorgung zu nennen.

Vielleicht gelingt es auf diese Weise, die vielen Ausflüchte, Hilflosigkeiten und schlechten Gewissen beim Anblick der Lebenden, die Zuflucht bei uns suchen, zu einem kollektiven Verständnis für den Zusammenhang zwischen ihrer Anwesenheit und unserem Wohlstand zu bündeln.

ZwischenZeiten

1

Die Welt ist eitel. Vielleicht fehlt ihr der Ehrgeiz, sich erkennen zu wollen, aber sehen will sie sich schon. Dafür hat sie das bewusste Selbst ‚erfunden‘. In ihm einen EigenSinn zu suchen, halte ich für ein ehrgeiziges aber heikles Unterfangen. Ein großes Vergnügen kann es allerdings sein, sich in ZwischenZeiten, auf dieses Selbst bewusst einzulassen. Weiterlesen

Menschen im System I

Soziologen wissen, dass feste soziale Bindungen die Grundlagen der menschlichen Existenz sind, nicht zuletzt weil wir mindestens ein Viertel unseres Lebens als Kinder, Alte oder Kranke von der Sorge und Pflege durch andere abhängen. Gemeinschaft ist unser Zuhause, und ein beträchtliches Maß unserer körperlichen und geistigen Kräfte wenden wir in der Zwischenzeit auf, Zuwendung zu organisieren. Weiterlesen

die Kinder von Gando

Das Dorf Gando liegt in Westafrika, im „Vaterland der ehrenwerten Menschen“. Weil in diesen Zeiten das Kapital die Welt regiert, ist es keine Überraschung, dass die Ehrenwerten auch in Burkina Faso nicht in Wohlstand leben und ihre Kinder in Goldminen Steine zerschlagen und Stollen graben, anstatt zur Schule zu gehen. Die gab es in Gando bis 2001 nicht, ebenso wenig wie bis heute fließendes Wasser und Elektrizität. Etwa Dreitausend Einwohner haben eine Lebenserwartung von knapp über 50 Jahren. Die Säuglingssterblichkeit liegt bei 20 Prozent (weltweit bei 3,8 und in Deutschland bei 0,3 Prozent) und kaum jeder Vierte kann lesen oder schreiben. Weiterlesen

„Zohra“ aus Afghanistan

Zarifa Adiba ist die junge Frau auf dem Bild. Als ich sie, nicht ganz zufällig, fotografiere, sitzt sie auf dem Altarpodest in der Berliner Gedächtniskirche. Vor ihr schafft ein Orchester junger Musikerinnen eine klangvolle Stille für zwei Rubabs, das Nationalinstrument der Afghanen. Nicht ganz zufällig, weil, mehr noch als Äußerliches, die verträumte Konzentration in ihrem Gesicht meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da weiß ich ihren Namen noch nicht. Weiterlesen

offene Zukunft

Es ist etwas ganz Verschiedenes, ob ich die Zukunft für offen halte oder ob ich meine, ich könne sie nur (noch) nicht erkennen. In diesem Fall halte ich sie nämlich grundsätzlich für vorbestimmt, und das entlastet mich für den Moment. Weil ja dann nur kommen kann, was kommen muss, unabhängig davon, ob mir etwas glückt oder misslingt. Im anderen Fall gibt es keine Narrenfreiheit mehr. Dann kommt es – und davon bin ich überzeugt – stets und ständig darauf an, was ich in meinem überschaubaren und in jeder Hinsicht begrenzten Lebensraum tue oder lasse. Dann bin ich gehalten, alle Kraft und Kreativität zu mobilisieren, um – meinen augenblicklichen Neigungen und Intentionen folgend oder auch ihnen entgegen – die Zukunft offen zu halten. Weiterlesen

Wohin die Reise geht?

Das weiß – zum Glück! – noch niemand. Aber Anzeichen und Prognosen gibt es im Überfluss, sogar Wegweisungen – Vorsicht! Am Ende der DDR standen von den drei Buchstaben die zwei letzten in einem erbärmlichen Schatten. Wohin die Demokratie, die im heutigen Landesnamen erst gar nicht auftaucht – seitdem gekommen ist, wird deutlich, wenn der Souverän, das Volk, eine AfD erfinden muss, um sich noch irgendwo zwischen arroganter Macht und vulgärem Reichtum wiederzufinden. Weiterlesen