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Was für ein Ort?

Ein Plateau sieht anders aus. Was ist es dann? Eine Wand? Eine Tapete? Gestaltet oder lädiert? Vor der ich mich befinde, dahinter die Erde und, in der eingerollten rechten oberen Ecke, die Andromeda-Galaxie, die der ‚Milchstraße‘ unfassbar schnell entgegen rast. Kein realer Ort. Ein ausgedachter. Eine Zuflucht?

Warum ziehe ich ihn meiner vertrauten Umgebung vor? Um aus einer anderen Perspektive zu sehen, wie unser Planet sich verändert. Wie wir ihn verändern. Wie wir uns verändern. Oder bleiben wir, wie wir sind? Weil wir anders nicht sein können? Weil wir uns in Frage stellen müssen? Um uns letztlich den Garaus zu machen?

Nicht um mich zu distanzieren, habe ich diesen Ort eingerichtet, sondern um von ihm aus Zusammenhänge besser erkennen und erklären zu können. Vor allem mich selbst! Denn als Unikat mag ich ja ein Wunderwerk der Natur sein, aber als Menschheit richte ich, längst Sklave meiner Möglichkeiten, auf meinem sensiblen ‚Raumschiff‘ bisher jeden nur erdenklichen Schaden an. Bin mächtig und gierig geworden und halte meine Umtriebe für alternativlos. (Künftige Rückblicke – von wem und von wo aus auch immer – werden zeigen, wie auf diese Weise die Zukunft verloren ging.)

Wieso ein Plateau

„Mille Plateaux“ nannte der französische Philosoph Gilles Deleuze (1925 bis 1995) den zweiten Teil seines Werkes „Kapitalismus und Schizophrenie“. Gemeinsam mit dem persönlichen Freund und Psychoanalytiker Félix Guattari (1930 bis 1992) kritisiert er in dieser Schrift ein rationales Denken, das sich für maßgebend und hinreichend hält und wirbt – Jahre vor der Erfindung des Internet! – für einen Wandel weg von hierarchischen hin zu rhizomen Strukturen in der Gesellschaft. Warum? Weil in Hierarchien (in der Trennung von Macht und Handlung, die die menschliche Arbeit folgenschwer in intellektuelle und körperliche aufspaltet) alle Vorgänge, die, mathematisch betrachtet, an Exponentialfunktionen haften, unabhängig von Ideologien oder anderen guten Absichten in existenziellen Konflikten enden.

Und wieso diese Wand?

Sie zeigt vier Symbole und sieben Gesichter. Sieben Menschen, ohne die es diesen Blog so nicht gäbe. Weil ich die Muster in ihren Köpfen in meinem zu einem, wie Sartre es nennt, „gemeinsamen Individuum“ verknüpfe, mit dem sich, keine geringere Hoffnung habe ich, eine lebenswerte Zukunft vielleicht erhalten lässt. In neuen (rhizomen) Strukturen, die einen Gemeinschaftssinn hervorbringen, der über die Summe der Fähigkeiten der Einzelnen hinausreicht.

Vielleicht ergibt sich daraus die Chance, ‚Gier‘ und ‚Egoismus‘ in den Griff zu bekommen? Dadurch, dass wir immer neue Schnittstellen zu anderen Menschen, Lebewesen, der Natur schlechthin schaffen oder aktivieren. Denn nichts muss auf Kosten anderer geschehen, und nichts und niemand muss ab- oder ausgegrenzt werden: kein Gebiet, keine Ressource, keine Kreatur. Dann erst sind wirklich demokratische und egalitäre Menschengemeinschaften möglich. Sie sind die Plateaus, auf denen, zum Beispiel mit Wänden wie dieser, Zeit-Räume entstehen können, in denen sich gut und gern leben ließe.