Populisten

Populisten – das Wort ist derzeit in aller Munde, vor allem bei denen, die sich gern für etwas Besseres halten: Eliten. Das sollen Mächtige und Reiche sein, EU-Bürokraten, Professoren, Politiker beispielsweise, jedenfalls jene Minderheit, die die Populisten für die Verhältnisse verantwortlich machen, unter denen sie leiden und den Kürzeren ziehen. Auch die gut dotierten und oft in verdächtigem Gleichklang tönenden Berichter und Meinungsbildner in den Medien rechnen die Populisten den Eliten zu und reden von ‚Lügenpresse‘, die gar nicht zur Unwahrheit verpflichtet werden muss, weil sie sich freiwillig und höchst eigennützig selbst konditioniert – aber das ist ein anderes Thema …

Auch von der gesellschaftlichen Mitte, die die herrschenden Verhältnisse gut heißt, weil sie selbst gut darin lebt, werden die Populisten verachtet, denn sie gebärden sich aus Sicht der Wohlstandsbürger als lästige Störenfriede, laut und mit Wut im Bauch Frust ablassend in eine scheindemokratische Wirklichkeit, die nicht nur ihnen Angst macht, besonders aber ihnen, weil darin die ohnehin geringen Spielräume immer prekärer werden. Somit sind die Fronten klar zwischen dem populistischen ‚Wir‘ und dem elitären ‚Vis-à-vis‘: der klassische Klassenkampf.

 

Aber so einfach ist es inzwischen nicht mehr, denn inzwischen hat eine neoliberale Weltordnung einen neuen, viel hinterhältigeren Populismus hervorgebracht, dessen Phalanx die entsolidarisierten und dem Gemeinsinn entfremdeten Individueen bilden. „Eingebettet in Konformismus und Konsens“, wie der südkoreanische Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han bemerkt, bevölkern sie Konsum- und Vergnügungstempel, wohltemperierte Wohnstuben und Produktionsstätten und wenden, wenn es schlecht läuft, lieber „Gewalt gegen sich selbst an, statt die Gesellschaft verändern zu wollen“.

Möglich wird das, weil die „systemerhaltende Macht heute eine smarte, freundliche Form annimmt“ und „von der Freiheit Gebrauch macht, statt sie zu unterdrücken“. Das Wort Freiheit, mit dem sich ein Ex-Bundespräsident so leicht besoffen machen ließ, soll aus dem Germanischen kommen, und ‚jemand, dem sein Hals selbst gehört‘ heißen. Mit oder ohne Strick darum, wäre hier die Frage, aber auch die führt zu einem anderen Thema …

„Die bürgerlichen Helden bei Ibsen wussten, dass ihr Handeln schuldhaft ist, und hofften, dass dieses nicht ans Licht kommt“, schreibt der Dramaturg und Autor Bernd Stegemann. „Demgegenüber gehen die bürgerlichen Subjekte der Postmoderne heute freimütig mit ihrer Schuld um. Natürlich weiß jeder, dass für sein Smartphone Sklaven schuften müssen und dass unser Wohlstand auf der Ausbeutung der ganzen Welt beruht. Das Paradox an diesem Wissen besteht heute darin, dass diejenigen, die am lautesten ihre Mitschuld eingestehen, am meisten davon in der öffentlichen Anerkennung profitieren.“

Gleichzeitig existiert eine tiefe Ratlosigkeit, wie denn das zu ändern wäre. Aber man kommt nicht auf das Naheliegende, auf die Änderung der Verhältnisse, sondern zu einer erstaunlichen Doppelmoral. „An die Stelle des Klassenkampfes“, so Stegemann, „sind die biopolitische Perfektionierung des Alltags und die Sprachregelungen der Political Correctness getreten“. Früher nannte man das Heuchelei und jene, die die Doppelmoral kultivierten, Heuchler. „Wir sind doch die Guten!“, twittern sie sich und aller Welt zu, die neuen Populisten.

Und um nicht den Eindruck der Gleichmacherei zu erwecken: Das sind die Populisten der übleren Art!

 

2 Gedanken zu “Populisten

  1. Der Kampf um die Köpfe und Meinungen wird immer intoleranter und immer mehr von diffamierenden Begriffen geprägt. Wer Zweifel an den sogenannten „Qualitätsmedien“ (auch Lügenpresse genannt) und ihren Berichten äußert, ist ganz schnell ein Verschwörungstheoretiker. Deren Zahl scheint ständig anzuwachsen.
    Für die Linken sind AfD und Front National – Rechtspopulisten. Für die CDU ist die Linke von Links-Populisten geprägt. Eine Auseinandersetzung mit den Themen, die die Bürger bewegen findet nicht statt. Victor Klemperer hat in seinem „LTI“ die langsame Veränderung der Sprache im beginnenden Faschismus der 1930er Jahre analysiert. Fatale Parallelen finden wir heute in allen Medien, auch genutzt von Menschen die eigentlich demokratisch sein wollen.
    Es fehlt die breitenwirksame Aufklärung über die falsche Begriffswahl und falsche Definition von Begriffen. Als „Ersatz“ dienen heute Fernsehsendungen wie z. B. „Die Anstalt“, die durchaus über Zusammenhänge im Klartext aufklären. Deshalb werden sie auch erst nach 22 Uhr gesendet. Man möchte nicht zu viele Bürger aufklären.
    Was können wir tun? Jeder für sich nur wenig. Aber das Mögliche sollten wir tun – soweit man kann, aufklären, kritisch hinterfragen und alle für eine kritische Sichtweise gewinnen.
    Außer dem Parteien-Konsortium CDU/CSU/SPD/Grüne, Linke und FDP, bzw. AfD gibt es auch weitere Parteien, die man wählen kann. Das sollte sich jeder im September genau überlegen. Dabei sollten nicht die Sprüche, sondern das Verhalten in der abgelaufenen Legislaturperiode entscheidend sein.
    Neben der national wichtigen Ausrichtung der Politik ist aber auch klar, dass nur eine paneuropäische Zusammenarbeit den Menschen in Europa helfen kann. Die Probleme sind viel zu komplex, als dass man in einem Land eine Lösung durchsetzen kann. So gesehen ist die Bewegung DiEM25 ( Democracy in Europe Movement) mit Yanis Varoufakis an der Spitze eine gute Idee, die besonders bei der kritischen Jugend Widerhall findet.
    Aber schon findet die Qualitäspresse heraus – alles nur Populismus. Aber die tatsächlich populistische Pro-Europa-Bewegung „Pulse of Europe“ eines Frankfurter Rechtsanwaltes – wird hochgelobt. Sie gefährdet nämlich nicht den neoliberalen Kurs der jetzigen Regierenden.
    Der Begriff Eliten sollte in diesem Zusammenhang nach meiner Auffassung nicht verwendet werden, da er ein falsches Bild und ein fatales Signal transportiert. Die derzeitige neoliberale Nomenklatura des Establishments als Elite zu bezeichnen – ist wirklich Populismus. Es sind die Nutznießer des derzeitigen Regimes, mit denen es keine Veränderung unserer Gesellschaft geben wird, da diese Gruppen, wie z. B. der Seeheimer Kreis alles tun werden, um eine Veränderung zugunsten der Mehrheit der Bevölkerung zu verhindern. Sie werden ihren Reichtum nicht freiwillig mit der Bevölkerung teilen.

  2. Sehr wichtig im Kommentar von Hans-Joachim Körting ist mir sein Hinweis auf „weitere Parteien, die man wählen kann“, um nicht diesen oder jenen Populisten in die Arme zu laufen. Es ist sogar möglich, eine solche Partei auf den Wahlzettel zu bringen.
    Für dringend geboten halte ich das bei der im September 2016 gegründeten Ein-Themen-Partei „Bündnis Grundeinkommen“. Entstanden ist sie, weil das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) aktuell für LINKE und SPD keine große Rolle spielt – ein fataler Fehler! Warum? Weil über ein jedem garantiertes Mindesteinkommen zum Beispiel Armut verhindert, Arbeit zum Bedürfnis entwickelt, lebenswerte Zukunft geöffnet und Menschenwürde gesichert wird. Insofern ist das BGE nicht nur der Ersatz für ein längst hoffnungslos überfordertes und in den Ungerechtigkeiten der Bürokratie versunkenes System von Sozialleistungen, sondern forciert genau die Veränderungen in der Gesellschaft, ohne die die Globalisierung mehr und mehr zu einem die Menschheit bedrohenden Abenteuer wird.
    2000 Unterstützungsunterschriften sind in den meisten Bundesländern nötig, damit die Partei auf den Wahlzetteln erscheint und mit ihr das Thema BGE weiter in die Öffentlichkeit dringt.

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