Santanas Musik

Im Mai 2002 habe ich Santana und Band schon einmal live erlebt. Es war in der Arena-Halle in Leipzig, die er mit seiner Musik ausfüllte. Wie starker Wind wehte sie von der Bühne her, auf der sie Carlos bedenklich zu biegen und zu verwirbeln schien. Bis ich begriff, dass er den Sturm erschuf, der bog und wirbelte und mich durchdrang. Sonst widerstehe ich instinkiv allem und jedem, das und der mir heftig und vereinnahmend entgegenkommt. Dieses Mal verspürte ich zugleich die Ehrlichkeit, in der dieser Sound strömte, und ich öffnete mich und ließ sie geschehen.2016-07-09_04 Potsdam, Santana-KonzertObwohl ich Santanas Musik nie aufgesucht habe, hat sie mich seit dem Woodstock-Festival im August 1969 immer wieder begleitet und berührt, meist aus dem Radio aber zum Beispiel auch von einer Langspielplatte, die mir Mitte der 1970er Jahre ein Mitglied meines Literaturzirkels für einige Tage lieh. Das war damals ein heute kaum nachvollziehbarer Vertrauensbeweis, denn solche aus dem Westen illegal in die DDR verbrachten Tonträger galten in der subversiven Szene der Kenner und Sammler als kostbare Raritäten.

Nun wurde ich, nach 14 Jahren, im Potsdamer Lustgarten wiederum unmittelbar von Santanas Sound ergriffen, vielleicht mehr als je zuvor, was ich nicht nur mit der Frische des Eindrucks begründen kann. Kann es sein, dass die Band um Carlos und seine alles außer Kraft trommelnde Schlagzeugerin Cindy Blackman, die seit 2010 auch seine Ehefrau ist, einen noch nicht vorhandenen Zugang freilegt? Oder gar zwei?

Der eine hin zu ganz persönlichen DaseinsGründen, die ich 42 Jahre lang verloren glaubte und nun wiederzufinden beginne. Der andere wie ein Angebot: ein vorsorglichen Halt für ein Publikum, das seiner Umgebung noch nie so unsicher war und immer deutlicher eine aus den Fugen geraten(d)e Welt wahrnimmt, in der sich kaum vorstellbare Veränderungen anbahnen …

Doch an diesem unvergesslichen Sommerabend habe ich auch wieder etwas ganz Konkretes begriffen. Bisher war ich der Meinung, Santanas Band lege einen Teppich, von dem aus der Meister in all seiner sympathischen Bescheidenheit seine musikalische Botschaft vermittelt. Jetzt weiß ich es besser! Er führt fortwährend – sehr präzise und bestimmt – Dialoge mit seinen Musik-Kollegen. Daraus entsteht das Muster vertrauensbildender Intensität, (auf) die (sich) das Publikum so bereitwillig einlässt.

Selten habe ich nach einem Konzert einen so demonstrativ friedvollen Heimweg erlebt. Mit dem Blick in viele Gesichter schien es mir, als fühlten sich die Leute beschenkt und müssten mit dem Ort das Ereignis gar nicht verlassen. Fast so, als wären sie beteiligt.

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