Sebastião Salgado

Tief im zweiten Teil des Lebens, nach dem ‚Salz der Erde‘ suchend, kreuzte ich die Spur von Sebastião Salgado (1944), die ihren Anfang auf der Viehfarm seiner Eltern in der brasilianischen Provinz Aimores nahm. In São Paulo studierte er von 1963 an Wirtschaftswissenschaft, verband sich 1967 mit der Pianistin Lélia Wanick und riskierte mit ihr im Kampf gegen die Militärdiktatur Leib und Leben.

Gemeinsam emigrierten sie 1969 nach Paris, wo Salgado mit seiner Promotion eine Wohlstandskarriere bei der Weltbank ebnete, die er abbrach, als seine Frau, die Architektur und Stadtplanung studierte, ihm eine Kamera schenkte. Mit ihr gelang ihm die Verknüpfung seines individuellen Gewissens (das für Jean-Jacques Rousseau die höchste souveräne Instanz des Bewusstseins ist) mit seiner besonderen Begabung für Fotografie. Fortan thematisierte er die von Unrecht, Not und Elend überzogene Welt und verwirklichte  beeindruckende Langzeit-Bildprojekte.

In seinen beseelten Händen hört die Kamera auf, ein technischer Kasten zu sein, der den menschlichen Blick abbildet. Salgados Fokus liegt hinter dem Auge, in seinem Bewusstsein, in das er die ungerechte Welt vor der Kamera hinein lässt, bis sie sich einbrennt, bis der Schmerz unerträglich wird.

„Wir sind bösartige, schreckliche Tiere, wir Menschen“, war Salgados Fazit nach dem erschütternden Bildepos „Migranten“, für das er in den 1990er Jahren sechs Jahre lang weltweit Flüchtlingsströmen folgte und am ständigen Anblick qualvollen Hungerns, tödlichen Metzelns und unvorstellbarer Herzlosigkeit selbst lebensbedrohlich erkrankte: „Ich sah viel Leid und großen Mut, doch vor allem wurde ich Zeuge von Gewalt und Brutalität in einem Ausmaß, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Als ich das Projekt abschloss, hatte ich jede Hoffnung auf eine Zukunft für die Menschheit verloren.“

Seinen Glauben an das Leben fand er mit dem 1998 gegründeten Projekt „Instituto Terra“ wieder. Es ist der gelungene Versuch, die durch intensive Viehzucht und rücksichtslose Rodung verdorbene Heimaterde zu renaturieren. Gemeinsam mit seiner Frau und einem kleinen Team, unterstützt von weltsichtigen Menschen, stellte er in mehreren Jahren mit zwei Millionen Setzlingen von über 200 verschiedenen Baum- und Pflanzenarten auf der 676 Hektar großen Farm seiner Vorfahren den ursprünglichen Regenwald wieder her.

Aus dieser ‚Wunderheilung‘ erwuchs ihm neue Kraft und Hoffnung, die er über neun Jahre hinweg in das großartige BildWerk „Genesis“ investierte: „Ich wollte erkunden, wie Natur und Menschheit so lange in dem, was wir heute ökologisches Gleichgewicht nennen, koexistieren konnten. Dieses Werk ist […] eine visuelle Liebeserklärung an die Erhabenheit und Zartheit der Welt. Doch es ist zugleich auch eine Mahnung, so hoffe ich, dies alles nicht aufs Spiel zu setzen.“

In einem Geleitwort spricht Irina Bokova, Generaldirektorin der UNESCO von einer „Hommage an den großen und atemberaubenden Reichtum unseres Planeten“, von einem „Aufruf an uns alle, zu erkennen, dass jeder daran mitwirken muss, unseren Planeten zu erhalten und Lebensentwürfe zu finden, die uns in die Zukunft führen“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.