Systemversagen?

Weltuntergänge haben immer dann Konjunktur, wenn das kollektive Selbstvertrauen schwindet, wenn wir feststellen, dass es bei äußerster Anstrengung mal wieder nicht gelingen will, unsere Interessen mit den Gegebenheiten in Einklang zu bringen. Dieser Tage muss der Maya-Kalender herhalten, in dem ein am 11. August 3114 v. Chr. begonnener Zählabschnitt endet und kurzerhand zum kosmischen Finale erklärt wird. Niemand glaubt tatsächlich an ein physikalisches Spektakel, an ein grandioses Himmelsfeuerwerk oder an ein Schwarzes Loch, in dem wir auf nimmer Wiedersehn verschwinden, aber wenn wir uns ein Szenario ausmalen, in dem wir von vornherein chancenlos sind, müssen wir uns keine Mühe mehr geben und nachprüfen, inwieweit unsere Machenschaften sich eignen, unser planetares Raumschiff in die Zukunft zu lenken.

Prüfen wir, werden wir feststellen, dass die begrenzten Möglichkeiten, sich in natürlicher  Umgebung einzurichten, nicht das Problem sind. Gefährlich werden wir uns mit den Regularien, die wir für unser Zusammenleben erdacht haben. Nicht unser Verstand bedroht unsere Verweildauer, sondern die Gliederungen – Staaten, Hierarchien, Gemeinwesen – in die wir ihn einbinden. Wir meinen, dieses System versagt, aber das ist ein dramatischer Irrtum. Er wird uns, bleiben wir dabei, in absehbarer Zeit die Zukunft kosten, mindestens eine lebenswerte, denn unser System funktioniert perfekt. Es bringt unsere Wünsche hervor, liefert Mittel und Wege, sie (sich) zu erfüllen und sichert die Möglichkeit ab, es rigoros zu tun: mit Hilfe anderer.

Das hört sich gut an, klingt nach Gemeinschaft und Kooperation, ist aber eine Täuschung, in der wir eine üble Wahrheit verstecken. Unseren Wohlstand erreichen wir nämlich nicht ‚mit Hilfe‘ sondern ‚auf Kosten‘ anderer und zwar auf Biegen und Brechen, auf Gedeih und Verderb. Erst wenn wir dieser Spur folgen, kommen wir an Ort und Stelle, kommen wir dahin, wo wir im Augenblick sind. Wie sehr wir ihn auch strecken, die Ewigkeit wird daraus nicht. Nicht einmal eine halbe. Nicht einmal eine klitzekleine. Also wohin?

‚Wodurch‘ muss ich fragen. ‚Wohin‘ ist genau so falsch wie ‚mit Hilfe‘, denn es geht stets von mir aus, von der eigenen Situation, vom eigenen Blick auf die Welt, mit dem, jeder Wissenschaftler weiß es, weder Erkenntnis noch Klarheit zu gewinnen ist. Gewonnen wird sie nur dadurch, dass ich von mir absehe, dadurch, dass ich aufhöre, mich an vermeintliche Errungenschaften und Ansprüche zu klammern. Meine Anwesenheit im Universum allgemein und auf der Erde im Besonderen, ist ein grandioses Gastspiel, wunderbar und befristet. Kapitalismus und Staat allerdings nähren die Illusion, die Natur, die eigene und die irdische, beherrschen zu können. Mit diesem Trugbild regieren und manipulieren sie die Menschheit wie nie zuvor in ihrer Geschichte und schränken ihre Lebensmöglichkeit auf dem Planeten systematisch ein. Modifizierungen ändern daran nichts.

Zukunft enthalten nur solche Lebensweisen, die sich auf die Balance in einem ganz anderen, längst vorhandenen und viel komplexeren System einlassen und sich unentwegt darum bemühen. Sie sind die tatsächliche Alternative zu den Vergewaltigern des Augenblicks, in dem sich Verwandlung auf Zerstörung, Anpassung auf Vernichtung und Verträglichkeit auf Verträge reduziert.

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