Biennale di Venezia IV

Etwas ganz anderes gelingt Anne Imhof. Im Berliner Hamburger Bahnhof, heute ein Museum für Gegenwart, habe ich vor einem Jahr einen Teil ihrer multimedialen Performance „Angst II“ erlebt. Mutig hatte sie dort, mit dem Kunstpreis der Nationalgalerie im Rücken, eine zuvor in Basel inszenierte ‚Oper‘ fortgesetzt. Mit Tänzern und Tieren, mit Schall und Rauch hatte sie den mächtigen Raum vermessen und mit Bedeutung gefüllt, mit jungen schönen androgynen Menschen, die sich darin in einer Mischung aus Choreographie und Improvisation bewegten. Es war faszinierend, nur Angst hatte ich in keinem Moment.

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Biennale di Venezia III

Die Beschreibungen nationaler Präsentationen sind nicht wertend gemeint. Sie sollen das Spektrum zeigen und die vielfache Nähe der Arbeiten zu aktuellen Ereignissen und Befindlichkeiten, die auf bevorstehende Veränderungen in der Gesellschaft aber auch des Individuums deuten. Nichts wird bleiben wie es ist und das Absehbare gibt Anlass zu großer Achtsamkeit und Sensibilität. Ich habe den Eindruck, dass das weltweit erkannt und kaum noch verdrängt oder überspielt wird, sondern ein hauptsächliches Anliegen dieser Schau ist. Sie kommt meiner Idee nahe, in der Vielfalt Ähnlichkeiten zu finden, sie in realen oder virtuellen Räumen, auf ‚Plateaus‘,  zu versammeln, von da aus (global) miteinander zu kommunizieren und (global) verträglich zu handeln, im Gegensatz zu hierarchisch strukturierten Systemen, wo Macht dominiert und mit einer Herrschaftskultur (globale) Dominanz absichern will. Weiterlesen

Biennale di Venezia II

Welchen Eindruck das Anliegen der Kuratorin hinterlässt und wie mit ihm umgegangen wird, hängt maßgeblich vom Betrachter ab. Je nach seiner persönlichen Lage wird er das Vorgefundene wie einen vielfarbigen Coctail schlürfen, sich in einem Freiraum fühlen oder inmitten bedrohlicher Notwendigkeiten. Ich fühle mich über zwei Tage hin abwechselnd berauscht, befreit oder bedrängt. Weiterlesen

Biennale di Venezia I

Nach Bekanntschaft mit der Kasseler documenta der Jahre 2007, 2012 und 2017 und der diesjährigen Biennale di Venezia kann in schnelllebigen Zeiten von einer gewissenhaften Sichtung keine Rede sein. Aus den Stippvisiten Tendenzen ableiten oder gar Prognosen zur Rolle und Bedeutung von Gegenwartskunst geben zu wollen, würde nicht einmal professionellen Kennern gelingen. Aber ich bemerke, dass sich die Welt unseretwegen messbar und spürbar verändert. Ich bemerke, wie sich daraus auch veränderte Wahrnehmungen ergeben, von denen ich nicht weiß, wie sie sich auf mich, auf die Gesellschaft und auf meine Umgebung auswirken werden. Weiterlesen

ein brandneues Testament

Es stimmt: Was ein Film wert ist, hängt nicht zuletzt von dem ab, der ihn sieht. In „Das brandneue Testament“ des Belgiers Jaco Van Dormael erlebe ich eine brillante Mischung aus Satire und Kreativität, aus göttlicher Komödie und menschlicher Tragödie und eine schallende Ohrfeige ins Gesicht aller Gut- und Gottgläubigen, denen der Monotheismus das Hirn verkrautet. Denn Gott ist nicht allein und war es nie. Weiterlesen

Juden Muslime Christen etc.

Ein besonderer Film ist die 2010 in Frankreich entstandene vierteilige Dokumentation „Juden & Muslime. So nah. Und doch so fern!“, die jetzt wieder bei Arte zu sehen war. Die Autoren Karim Miské, Emmanuel Blanchard und Nathalie Mars sammelten historisches Material aus 14 Jahrhunderten Glaubensgeschichte, befragten, ohne dem Christentum auszuweichen, Spezialisten für Judentum und Islamwissenschaft und montierten daraus das Beziehungs- und Konfliktgeflecht zwischen Juden und Muslimen seit der Entstehung des Islam auf der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert n. Chr. bis zu den Mauren in Andalusien, den Maghreb, dem Osmanischen Reich und der Geschichte Jerusalems bis zur Zweiten Intifada im Jahr 2005. Weiterlesen

„Victoria“

Selten hat mich ein Film so überrascht: Weil ich von mehreren vorab gelesenen und gehörten Besprechungen die eine, die ihm gerecht wird, überlesen habe. Sie ist von Michael Eckhardt und steht im aktuellen Leipziger Kinomagazin. Den fiktiven Bankraub im Berliner Milieu mit der technischen Finesse einer einzigen Kameraeinstellung wollte ich einfach nur gesehen haben. Weiterlesen

„Ex Machina“

Seit den Büchern des polnischen Autors Stanisław Lem, die ich vor allem in den 1970er Jahren mit großem Vergnügen verschlang, fasziniert mich die Vorstellung, wir könnten irgendwann einmal künstliche Intelligenz erschaffen und mit ihr die Welt verändern. „Intellektronik“ nennt Lem diese Schöpfungen in seinem Werk „Summa technologiae“, dessen Titel sich auf die Schriften „Summa theologica“ (um 1270) von Thomas von Aquin und „Summa Theologiae“ (um 1274) von Albertus Magnus bezieht. Weiterlesen

das Salz der Erde

„Ihr seid das Salz der Erde“, sprach der Wanderprediger Jeschua Ha-Nozri auf seiner Vortragsreise durch Galiläa und Judäa zu denen, die statt seinen Worten ihm selbst gefolgt waren. In einer eindringlichen Rede ließ er sie wissen, dass ihnen, sollten sie nicht in Schönheit verhallen, Taten würden folgen müssen, ihre Taten. Weiterlesen