„Zohra“ aus Afghanistan

Zarifa Adiba ist die junge Frau auf dem Bild. Als ich sie, nicht ganz zufällig, fotografiere, sitzt sie auf dem Altarpodest in der Berliner Gedächtniskirche. Vor ihr schafft ein Orchester junger Musikerinnen eine klangvolle Stille für zwei Rubabs, das Nationalinstrument der Afghanen. Nicht ganz zufällig, weil, mehr noch als Äußerliches, die verträumte Konzentration in ihrem Gesicht meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da weiß ich ihren Namen noch nicht. Weiterlesen

Tag der Befreiung

Seit Monaten versuche ich, vergeblich, für die grassierende verschleiernde Berichterstattung in den Medien einen gleichwertigen, einen gleich griffigen Begriff für das Wort ‚Lügenpresse‘ zu finden. Nicht so sehr, weil ich mich gegen seine Verwendung in der nationalsozialistischen Propaganda abgrenzen will, mit der das Wort vor knapp einhundert Jahren unrühmliche Popularität erlangte. Weiterlesen

InkriT-Tagung 2015

Die deutschen theoretischen Marxisten, von Fritz Haug seit Jahren weitgehend und geschickt um sein Lebenswerk, das „Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus“, gruppiert und zugleich am Tropf gehalten, sind wieder ein Jahr älter geworden. Mein Entschluss auch dieses Jahr am Plenum teilzunehmen, ergab sich aus dem Thema „Mensch-Natur-Verhältnisse“. Weiterlesen

wir Menschen

Ines Klitz: Gekommen ist, um an unseren letzten Wortwechsel anzuknüpfen, ein in der weißrussischen Hauptstadt Minsk zwischen den Staats- und Regierungschefs  der Ukraine, Russlands, Deutschlands und Frankreichs ausgehandeltes Abkommen. Ab Vorvorgestern sollte demnach eine vor Ort von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa überwachte Waffenruhe beginnen. Gestern sollte mit dem Abzug schwerer Waffen aus dem Kriegsgebiet begonnen werden. Weiterlesen

Glätte

Ob Konsumerzeugnis oder Kunstwerk, Display oder Haut, glatte Oberflächen sind für den zur Zeit in Berlin denkenden Philsophen Byung-Chul Han (dessen kürzlich erschienene handliche Schrift „Transparenzgesellschaft“ ich jedem empfehlen kann) ein markantes Indiz für ein „Zeitalter des ‚Like‘“, wie der ‚Gefällt mir-Button‘ auf dem Facebook, der eine Kommunikation anregt und beschleunigt, die in eine „Kultur der Gefälligkeit“ mündet. Glätte statt Kratzern, statt Verletzlichkeit, statt ernsthafter Zuwendung, die unter die Haut geht, die eindringt, durchdringt, die Gefühlstiefen ausloten will, Liebe entstehen lässt oder auch Zorn. Weiterlesen

Buchenwald

Im Alter von 16 Jahren fuhr ich mit der Schulklasse zum ehemalige Nazi-KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar. Ermattet ist die Erinnerung daran. Nach dem heutigen Rundgang wünsche ich mir eine Vorschrift, nach der alle Deutschen einmal aller zehn Jahre die grausige Stätte besichtigen müssen. Ausnahmslos. Wenn nötig hindurchgetrieben oder gekarrt.

KZ Buchenwald, Kunstinstallation

KZ Buchenwald, Kunstinstallation

Weil fast jeder unserer Vorfahren Hitlers ausgerufenes Tausendjährige Reich großmäulig unterstützt oder stillschweigend geduldet hat. Weil es kein besseres Beispiel gibt, das zeigt, wie wenig technischer Fortschritt du Kultur vor dem Schlimmstmöglichen schützen, das Menschen jederzeit bereit sind, einander anzutun. Im Gegenteil: wie selbstverständlich sie in den Teufelskreis der Inhumanität eingebaut wird, in dem wir, bilden wir uns bloß nichts ein, nach wie vor rotieren wie im Hamsterrad.

So trostlos und hilflos habe ich mich lange nicht mehr gefühlt wie bei diesem Gang, nicht zu vergleichen mit den alltäglich servierten Fernsehgreueln aus aller Welt. Das Wort Unmenschlichkeit irritiert mich in diesem Zusammenhang zunehmend. Ist die hemmungslose Bereitschaft zur Quälerei des Nächsten nicht mindestens so eingeschrieben in unseren Daseinscode wie die Nächstenliebe? Wieso dominiert uns die Gier nach Macht und Besitz trotz aller Warnungen und Bekehrungen fast nach Belieben? Wieso gelingt es nicht, im Konfliktfall die gegenseitige Gewalt als Lösungsmittel abzuwerten? Warum wird jede Suche nach dem bestmöglichen Lebensweg in aller Regel zur Suche nach dem eigenen Vorteil und zur rücksichtslosen Sucht?

ZeitFragen

Was heißt es, wenn ich sage: keine Zeit? Hatte ich sie bis zu dem Moment und jetzt nicht mehr? Kann ich sie ausschließen? Stellt sie sich wieder ein? Wenn ich es will? Was entgeht mir ohne sie? Zukunft. Und die Gegenwart? Kann es sein, dass die Gegenwart nur existiert, wenn ich Zeit habe? Kann es sein, dass, wenn ich sage: keine Zeit, die Gegenwart verloren ist? Ich in der Gegenwart verloren bin? Weiterlesen