Lebenslauf

Die scheinbare Beschleunigung meiner Lebenszeit zum Ende hin erklärt sich nicht, wie mancher Möchtegern-Einstein mir weismachen will, aus einer physischen oder physikalischen Relativität der Zeit, sondern ganz im Gegenteil aus ihrem gleichförmigen Verlauf. Was ich wahrnehme, ist nichts anderes als die Schrumpfung des Verhältnisses von noch verbleibender zur gesamten Lebenszeit, das sich mit dem Lebensende in Nichts auflöst. Unabhängig davon, ob ich mir dieses Ende vorstellen will oder kann, spüre ich es immer deutlicher und näher und muss zur Kenntnis nehmen, dass jede ernsthafte Auflehung nur lächerlich ist. Wenn etwas von mir bleiben soll, muss ich es bis dahin entäußert haben.

Besitzverhältnis

Wir alle besitzen die ganze Natur, den Sternenhimmel und die Erde mitsamt allen ihren Landschaften. Sobald wir aber unser Besitzergefühl auf ein paar Hektar Land beschränken, gehört uns von alledem nichts mehr“, sagt Ernesto Cardenal, der weise nicaraguanische Priester, Politiker und Dichter und dem, der sich mit irgendeiner Besitzurkunde in die Höhe reckt, dass er „damit nichts anderes als einige Seiten Papier mit ein paar bürokratischen Spitzfindigkeiten“ in Händen hält.

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knappe Ressourcen

Knappe Ressourcen erscheinen verhängnisvoll. Logisch erscheint, dass es dadurch ein Ding der Unmöglichkeit wird, im weltweiten Zugriff von Kapitalismus und Nationalstaat (der längst ein Würgegriff ist) die Zukunft zu erreichen. Eben darin aber, in der größer werdenden Not, sehe ich die Chance auf Zukunft wachsen.

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„Blumen für Algernon“

Charles Gordon, Mitte 30, ist eine anrührender Mensch, gutmütig, gutwillig, nur die Natur hat ihn mit einem bescheidenen IQ von 68 leicht vernachlässigt. Charly, alle Welt nennt ihn so, lebt allein und arbeitet als Kloputzer in einer Fabrik. In der Abendschule will er lesen und schreiben lernen und fühlt sich erwärmt von der verständnisvollen Lehrerin Miss Kinnian. Ihretwegen lässt er sich auf Tests mit zwei Ärzten ein, die ihm die Labormaus Algernon vorstellen, deren Intelligenz nach einer Hirnoperation die seine um ein Vielfaches übertrifft. Er ist einverstanden, dass sie die gleiche Operation an ihm vornehmen und bald ist er in der Lage, die Welt und sich selbst in hohem Maße zu erkennen. Weiterlesen

Ai Weiwei mit „Evidence“

Anzeichen, Befund, Bekundung, Beleg, Beweis, Beweismittel, Beweislast, Hinweis, Nachweis, Indiz, Zeugnis sind Übersetzungsvorschläge für das englische evidence. Sie alle finde ich aufbewahrt in der Ausstellung „Evidence“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, der Bilder, Bücher, Filme, Fotos, Skulpturen, Installationen und Bauwerke schafft, in denen er sich mit seiner (gesellschaftlichen) Umgebung auseinandersetzt. Um sich in ihr zu begreifen, um seine Koordinaten zu bestimmen, seine Position. Um sie zu behaupten und um sie in Frage zu stellen. Weiterlesen

FallStudie Hoeneß II

Einen Tag vor dem zweiten Champions League Halbfinale zwischen Borussia Dortmund und dem legendären spanischen Fußballclub Real Madrid wird in die Medien lanciert, dass der junge Mario Goetze, der sich seit zwölf Jahren bei den Dortmundern zu einem Ausnahmestürmer entwickelt hat, am Saisonende, Hoeneß sei Dank, zum FC Bayern wechselt. Er sei der Wunschkandidat des ebenfalls für die kommende Saison von den Münchnern verpflichteten spanischen Erfolgstrainers Josep Guardiola, heißt es, in dessen Spielsystem er vorzüglich passe. Weiterlesen

Gedächtnislücken

Es geschieht immer wieder, dass ich mich an Personennamen, Begriffe oder Titel, die ich schon häufig verwendet habe, nicht erinnere. Manchmal dauert es nur Sekunden, bis sie mir wieder einfallen, manchmal Stunden, oder es geschieht viel später und in  ganz anderem Zusammenhang. Wie erfolgversprechend ist die sofortige Anstrengung, diese Lücken zu schließen? Weiterlesen