die Kinder von Gando

Das Dorf Gando liegt in Westafrika, im „Vaterland der ehrenwerten Menschen“. Weil in diesen Zeiten das Kapital die Welt regiert, ist es keine Überraschung, dass die Ehrenwerten auch in Burkina Faso nicht in Wohlstand leben und ihre Kinder in Goldminen Steine zerschlagen und Stollen graben, anstatt zur Schule zu gehen. Die gab es in Gando bis 2001 nicht, ebenso wenig wie bis heute fließendes Wasser und Elektrizität. Etwa Dreitausend Einwohner haben eine Lebenserwartung von knapp über 50 Jahren. Die Säuglingssterblichkeit liegt bei 20 Prozent (weltweit bei 3,8 und in Deutschland bei 0,3 Prozent) und kaum jeder Vierte kann lesen oder schreiben. Weiterlesen

Vergewisserung

Noch stehe ich aufrecht und laufe auf der Erde umher, diesem unfassbar komplexen, grenzenlos erscheinenden und doch so deutlich abgeschlossenen Lebensraum. Mit meinem Bewusstsein – vielleicht das größte Wunder aller Zeiten! – könnte ich begreifen, wie töricht es ist, ihn einschränken und mich darin von anderem Leben abgrenzen zu wollen oder sogar – wie absurd! – von meinesgleichen. Es ist ebenso töricht, wie jegliche Ressourcen nur aufbrauchende und Abläufe nur zerstörende Lebensweise. Weiterlesen

Blickwechsel oder Ortswechsel

Immer wieder muss ich erklären, dass das Wort „Linkszeit“ kein ideologisches Bekenntnis ist, sondern, mit den Worten von Gilles Deleuze, die „Umkehr der Wahrnehmung von sich aus auf die Welt hin“ meint. Ohne diese Umkehr der Wahrnehmung werden wir immer nur versuchen, unsere „europäischen Privilegien“ zu verteidigen. Weiterlesen

wundern

Gestern hat mich eine gute Bekannte zum gemeinsamen wundern eingeladen. Auf dem Weg ins Leipziger Lukas-Café am Augustusplatz, wo man in einem Atrium in bequemen Sesseln oder Doppelsitzern stundenlang bei einer Tasse Kaffee zubringen kann, habe ich mir mit meinem manchmal sonderbaren Wortverständnis vorgestellt, dass es dabei nicht ums Staunen, sondern ums Wunder tun ginge, so wie es unsere Phantasie oder Verzweiflung gern irgendwelchen Heilern oder Heiligen unterstellt. Weiterlesen

Können wir die Verhältnisse ändern?

Es ist unstrittig, dass derzeit Systeme die Welt beherrschen, in denen (ökonomisches) Wachstum, (nationale) Konkurrenz und (egozentrische) Individualisierung die Menschheit als globale Gemeinschaft in Frage stellen. Aus ihnen erwachsen immer neue Wirtschaftskrisen, Hungerkatastrophen und Gewalttaten. Gleichzeitig wird das Wohlstandsgefälle zwischen und innerhalb von Staaten immer größer. Immer mehr Menschen haben immer schlechtere Aussichten auf ein zufriedenes Leben. Weiterlesen

über die Verhältnisse

Warum sollte ich nicht länger über meine Verhältnisse leben?
Warum soll ich auf etwas verzichten, das ich haben kann?
Und wenn ich es habe, warum verliere ich es so ungern, wo ich doch weiß, dass es mir sowieso nicht für immer bleibt?
Warum will ich besitzen und den Augenblick des Besitzes dehnen, anstatt den nächsten vorzubereiten, in dem es mir etwas weniger besser gehen sollte als denen, denen es schlechter geht?
Warum habe ich lieber ein schlechtes Gewissen?
Wem nützt ein besseres?

„Arbeit und Struktur“

Mit dem Titel „Arbeit und Struktur“ erschien im Herbst 2013 als Buch der Blog des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. Nach Ai Weiwei’s „Der verbotene Blog“ ist es das zweite publizierte Internet-Tagebuch, das ich gelesen habe. Herrndorfs zwischen Mut und Verzweiflung dokumentierte letze Lebenszeit mit einem Glioblastom, einem tödlichen Gehirntumor, hat meine Neugier geweckt. Weiterlesen

Tagesnotizen

– Das Leben kann Spaß machen, aber es ist keiner.

– Das Grinsen des Uli Hoeneß sagt mehr (über uns) als alle Prozessberichte.

– Im reichen Industrieland Japan hausen drei Jahre nach Fokushima noch Hunderttausende der aus den verstrahlten Gebieten Evakuierten in würdeloser Armseligkeit.

– Die Ukraine zerfällt im Gezerre von Machtansprüchen, und die Menschen werden wieder mal nichts anderes tun (können), als ihre Enttäuschung mit den Fetzen zu bedecken, die übrig bleiben.

Mit diesem Eintrag öffne ich den Blog zu einer Plattform für Diskurse über Hunger und Tatendurst, Macht und Vermächtnisse, Lüste und Abscheu, Besitzgier und Atemnot … Kein Tagebuch der Selbstbeschau, sondern um der Balance willen (ohne die eine lebensfähige Zukunft unmöglich ist) rücksichtslos Krücken zertrümmernd: für ein selbstbestimmtes Leben aus dem Augenblick heraus.