Es war einmal ein Wald

Il était une forêt“ („Es war einmal ein Wald“) heißt ein französischer Dokumentarfilm nach einer Idee des Botanikers und Regenwaldforschers Francis Hallé. Verfilmt von Luc Jacquet („Die Reise der Pinguine“) läuft er als „Das Geheimnis der Bäume“ zurzeit in den Programmkinos. Der Originaltitel ist besser. Bäume sind noch kein Wald, dieses Jahrmillionen lang funktionierende komplexe System, um das es im Film hauptsächlich geht und das sich die Zeit gesichert hat wie Mensch und Tiere den Raum. Weiterlesen

Sinn des Lebens

Ich glaube, dass das Leben Sinn hat und zu Resultaten führt, die vorauszusehen uns nicht gegeben ist“, sagte der Maler Max Beckmann. Bisher habe ich als gravierenden menschlichen Mangel beklagt, nicht in die Zukunft schauen zu können und unseren Verstand als Fehlentwicklung oder Sackgasse der Natur angenommen. Da Differenzierung ihr strukturierendes Prinzip zu sein scheint, war ich deswegen nicht besonders enttäuscht. Dann ist der Mensch eben nur eine begrenzte Variation, muss sich um Zukunft nicht bemühen und kann sich getrost im Augenblick austoben. Weiterlesen

Bandmaßanschnitt

Als Wehrpflichtiger tat ich kund, das übliche Bandmaß für die letzten 150 Tage nicht nötig zu haben. Hatte ich auch nicht in meiner damals komfortablen Rolle als Ghostwriter des Regimentskommandeurs, dem ich Teile seiner Diplomarbeit schrieb.2014-01-21_01 Leipzig, Bandmaßanschnitt

Heute genieße ich die Prozedur vor dem absehbaren Ende unfreiwilliger Arbeitszeiten und freue mich darauf, meinen belanglosen Arbeitsplatz endlich verlassen zu können und dann nur noch mir Wichtiges zu tun.

Kaltgebiet

Die Erde wird wärmer. Wir winden uns in Gedanken heraus aus der gemäßigten Zone und stellen uns kuschelige Zeiten vor. Anders als äquatorwärts, wo der Klimawandel den Völkern jetzt schon unter den Füßen brennt und sie auf Gedanken bringt, die uns gar nicht gefallen: Einzeln oder in Scharen oder – Gott behüte! – völkerwandernd in unsere Gegenden aufzubrechen, in denen wir gern weiter gern ungestört blieben, um unserem Wohlstand zu frönen. Mögen ihnen die Kehlen austrocknen. Möge ihnen, bevor wir sie – sorry – eigenhändig stoppen müssen, an Ort und Stelle die Luft ausgehen. Weiterlesen

Lebensfrist

Eine gute Freundin ist mit Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium seit kurzem in einem Hospiz. Wie sie mit der Absehbarkeit ihrer Lebensfrist umgeht, wie ihr Leben, ihr Denken, ihre Wahrnehmung sich daraufhin verändert, versuche ich mir vorzustellen. Vergeblich. Ist das ein ‚Ausstattungsmangel‘? Ober ist mir das Leben nur erträglich, wenn ich seine Dauer nicht kenne? Offenbar ist es einfacher, mir das Nichtsein vorzustellen und mit ihm umzugehen, als mit der genauen Kenntnis der eigenen Lebensfrist. Weiterlesen

Tilia cordata

2013-08-21_01 Leipzig, mein Patenbaum Tilia cordata

Den Germanen und Slawen galt die Linde als heiliger Baum. Über 800 Orte oder Ortsteile in Deutschland tragen in ihrem Namen den Lindenbaum. Der Name Leipzigs leitet sich vom sorbischen Wort Lipsk ab und bedeutet Linden-Ort. Die Linde war ein beliebter Kommunikationsmittelpunkt, an dem Nachrichten getauscht, Brautschau gehalten und gefeiert wurde. Nach Kriegen oder Pestepidemien gab es den Brauch, Friedenslinden zu pflanzen. Die meisten noch heute erhaltenen Exemplare erinnern an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und den Westfälischen Frieden. Weiterlesen

Taksim-Platz

Mitten in Istanbul verliert ein Platz in diesen Wochen seine Beliebigkeit. Menschen füllen ihn immer wieder, um Unzufriedenheit auszudrücken und zu adressieren. Sie haben ihn zur Plattform eines ihrer Meinung nach unerlässlichen Dialogs mit dem Staat erkoren. Dass sie den Dialog anstreben, heißt, dass sie dem Staat die Fähigkeit zum Diskurs zutrauen. Weiterlesen

zwischen Demut und Trance

Bei Griechen und Römern war Demut eine geringgeachtete Haltung der Unterwürfigkeit. Im christlichen Verständnis wurde sie eingedenk der Unvollkommenheit des Menschen im Gegensatz zu seinem vollkommenen Schöpfer zur Tugend. Immanuel Kant definierte sie als „Indikator für die eigentliche Würde des Menschen als eines freiheitlichen Vernunftwesens“. Für Friedrich Nietzsche war Demut ein gefährliches Ideal, hinter dem sich Feigheit und Schwäche versteckt. Weiterlesen

aussichtslose Rückblicke

Inzwischen sind es fast nur noch vereinzelte Spitzensportler, bei denen sich in den zahllosen medialen Jahresrückblicken einigermaßen überzeugende Leistungen nachweisen lassen. Im Gegensatz zu Politikern, Unternehmern, Bankern, Spekulanten, Weltenrettern, Taugenichtsen und Möchtegernen aller Coleur, die schamloser denn je ins Licht der Öffentlichkeit drängen und, von Eklat zu Fauxpas stolpernd, alle Register ziehen, ihre von Fehltritten gespickte Gangart auch noch zu rechtfertigen. Weiterlesen