gehaltvolles Bloggerfrühstück

Beitrag von Dr. H.-J. Körting

Die Probleme unserer Gegenwart sind sehr komplex und schwer zu analysieren. Mitunter verlässt einen der Mut, sich um eine Änderung der Situation zu bemühen. Dabei ist es eigentlich jedem selbst überlassen, inwieweit er sich einbringt. Man kann aber auch die Probleme auf konkrete Situationen herunterbrechen und dennoch zur Aufklärung beitragen. Zudem noch unterhaltsam zu sein, ist ein Vorzug erfolgreicher SchriftstellerInnen.

Der Autor (links) und Ursula Poznanski (2. v. rechts) beim Bloggerfrühstück

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ein Preis und ein Spiel und ein Satz

Aus einem Schriftwechsel mit Gerhard Gobsch, emeritierter Professor für Physik an der Technischen Universität Ilmenau

GG     Eine kühne, großartige Entscheidung: Bob Dylan erhält den Literatur-Nobelpreis! Nach der Bekanntgabe waren meine Augen feucht. Mit seinen Liedern gingen Millionen auf die Straße oder träumten, wie ich! Hoffnung? Zuversicht? Mut? Zweifel? Demut: “The answer, my friend, is blowing in the wind!“ Auch Luther: “Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen!“ Weiterlesen

Kurban Said „Ali und Nino“ I

Eine „leidenschaftliche Ethnoromanze“ nennt die Internetausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ den Roman „Ali und Nino“. Seine Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte hält  der Verfasser des Beitrages für abenteuerlicher als den Roman selbst. Dieser erschien 1937 unter dem Pseudonym „Kurban Said“ in deutscher Sprache in Wien, ging während des Zweiten Weltkrieges verloren, tauchte in den 1970er Jahren erst als Rückübersetzung aus dem Englischen wieder im deutschen Sprachraum auf und erschien im Jahr 2000, Anlass des Artikels in „Die Welt“, in originaler Fassung im Ullstein Verlag. Weiterlesen

Kermani in Leipzig

MOTIV 2015-10-21_01 Leipzig, Altes Rathaus, KermaniAm vergangenen Sonntag erhielt der Autor und Orientalist Navid Kermani in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels als, wie es in der Begründung des Stiftungsrats heißt, „eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft, die sich mehr denn je den Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft stellen muss, um ein friedliches, an den Menschenrechten orientiertes Zusammenleben zu ermöglichen“. Weiterlesen

Finistère

Sechshundert Kilometer oder sechs Autostunden von Paris entfernt ist der westlichste Ort Frankreichs, die schroffe Klippe Pointe du Raz auf dem Cap Sizun, auf dem der Wind mit den Menschen spielt. Machte er Ernst, hielte sich hier nieman2015-06-01_32 Frankreich, Bretagne, Finistere, Pointe du Razd auf den Beinen. Diese äußerste Klippe wiederum liegt im Département Finistère, dem von den Franzosen willig in ihre Sprache übernommenen ‚finis terrae‘ der Römer, für die diese Gegend nachvollziehbar das ‚Ende der Erde‘ war. Das wussten die selbstbewussten Bretonen besser, die ihre Heimat ‚Penn ar Bed‘ nannten, was soviel wie ‚Anfang‘ oder ‚Spitze‘ oder ‚Haupt der Welt‘ bedeutet. Weiterlesen

mit und ohne Günter Grass

Auf dem Weg zum Friseur erfahre ich aus dem Autoradio, dass heute Günter Grass in einer Lübecker Klinik an Lungenentzündung gestorben ist. Es ist eine Sendung, in der zu seiner Person und seinem Werk gesprochen wird und ich erspüre (in Zeiten, wo Kultur zum Event verkommen ist, in denen Intellektualität in Hörsälen und Studierstuben ein beschämendes Fortsein fristet und Sendungen über Literatur und Literaten ohne besonderen Anlass undenkbar sind) schon den traurigen Grund, den der konsequente Imperfekt der nächsten Sätze bestätigt. Weiterlesen

eine besondere Begegnung I

Während ich im Jahr 2010 „Der Hass auf den Westen“ las, versuchte ich mir ein Bild von dem Menschen Jean Ziegler zu machen. Lange nicht mehr hatten Worte mich so ergriffen, und manches Licht war mir aufgegangen bei der Lektüre, bei der Entdeckung der geschichtsmächtigen Kraft, die er den ehemaligen Kolonialvölkern zuschreibt und inständig hofft, dass sie erwachen und die globale Weltordnung für eine lebenswerte Zukunft der Menschheit ändern mögen.

Zieglers Sätze sind frei von der heuchlerischen Friedfertigkeit, mit der wir ‚Westler‘ nur den eigenen Wohlstand meinen, wenn wir von Globalisierung sprechen. Aus Zieglers Sätzen spricht Mut zum qualifizierten Zweifel an der Ordnung, die wir der Welt aufdrängen und Mut zum rücksichtslosen Diskurs. 2015-03-13_04 Leipzig, Museum der bildenden Künste, Jean Ziegler vor Neo RauchDas flößte mir Vertrauen ein, so viel, um die Spur, die sie legen, aufnehmen und mit eigenen Schritten und Worten fortsetzen zu wollen.

Knapp fünf Jahre später ergab sich die Gelegenheit, Jean Ziegler zu begegnen. Unverdrossen und anscheinend sogar mit Vergnügen parierte er während der Leipziger Buchmesse im Museum der bildenden Künste unter dem Bild „Schilfkind“ von Neo Rauch aus dem Jahr 2010 die süffisante Arroganz des Rundfunkmoderators Thomas Bille, der ihn gern in der gut vorbereiteten Schublade der Kapitalismuskritik hätte verschwinden lassen, um für den Rest des Abends seine unverdiente Ruhe zu haben.Stattdessen nutzte Ziegler sein intellektuelles und menschliches Ausmaß, um mit dem neuen Buch „Ändere die Welt!“ sein Auditorium auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen: auf die Chance eines jeden, die Gegenwart bewältigen zu können, ohne sie vergewaltigen zu müssen; auf die Chance, die Zukunft gewinnen zu können, ohne sie besiegen zu müssen.

Den inzwischen Achtzigjährigen erlebte ich so, wie jemand sein muss, der so überzeugend schreibt: kraftvoll, gütig, geduldig, neugierig, zornig. So kraftvoll, dass er immer noch weit Jüngeren auf die Sprünge hilft. So gütig, dass Verwirrte und Verirrte ihm dankbar die Hände reichen. Geduldig genug, um sich den Schwierigkeiten auszusetzen, die sie ihm bereiten und eigenes Wohlbefinden hintan zu stellen. Neugierig wie eh und je auf jeden Mitmenschen und auf jeden seiner Versuche, die Zukunft offen zu halten. Uneingeschränkt zornig auf Ungerechtigkeiten und nimmer bereit, sich damit abzufinden.

„Blumen für Algernon“

Charles Gordon, Mitte 30, ist eine anrührender Mensch, gutmütig, gutwillig, nur die Natur hat ihn mit einem bescheidenen IQ von 68 leicht vernachlässigt. Charly, alle Welt nennt ihn so, lebt allein und arbeitet als Kloputzer in einer Fabrik. In der Abendschule will er lesen und schreiben lernen und fühlt sich erwärmt von der verständnisvollen Lehrerin Miss Kinnian. Ihretwegen lässt er sich auf Tests mit zwei Ärzten ein, die ihm die Labormaus Algernon vorstellen, deren Intelligenz nach einer Hirnoperation die seine um ein Vielfaches übertrifft. Er ist einverstanden, dass sie die gleiche Operation an ihm vornehmen und bald ist er in der Lage, die Welt und sich selbst in hohem Maße zu erkennen. Weiterlesen