Lebenslauf

Die scheinbare Beschleunigung meiner Lebenszeit zum Ende hin erklärt sich nicht, wie mancher Möchtegern-Einstein mir weismachen will, aus einer physischen oder physikalischen Relativität der Zeit, sondern ganz im Gegenteil aus ihrem gleichförmigen Verlauf. Was ich wahrnehme, ist nichts anderes als die Schrumpfung des Verhältnisses von noch verbleibender zur gesamten Lebenszeit, das sich mit dem Lebensende in Nichts auflöst. Unabhängig davon, ob ich mir dieses Ende vorstellen will oder kann, spüre ich es immer deutlicher und näher und muss zur Kenntnis nehmen, dass jede ernsthafte Auflehung nur lächerlich ist. Wenn etwas von mir bleiben soll, muss ich es bis dahin entäußert haben.

AntWorte für die Tochter

Du schreibst:

1. Egal ob du mir dazu raten oder davon abraten würdest, ich habe entschieden, auch wei­terhin mit B. zusammen zu bleiben.

B. hat mir seine Version des Vorgefallenen erzählt. Deine kenne ich nicht, kann die Situation demnach gar nicht beurteilen. Allerdings ist mir nichts Menschliches fremd, und dieses Menschliche ist ein sehr sehr weites Feld. Zu etwas raten oder von etwas abraten werde ich nicht, denn du hast ja schon deine Entscheidung ge­troffen. Weiterlesen

noch 99 Tage …

Noch immer ist für Unbetuchte der Lebensunterhalt an unfreiwillige Arbeit geknüpft, von der andere profitieren. Noch immer gibt es kein bedingungsloses Grundeinkommen und Apanagen hatte ich nie in Aussicht. Zufrieden kann ich sein, nie meine Haut zum Markte getragen oder meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt oder auf Befehl anderen geschadet zu haben, aber ungefähr 70.000 Tagesstunden lang musste ich auf meine Lieblingsbeschäftigungen verzichten. 99 mal 8 sind es heute noch, bevor mir die Restzeit vollumfänglich zur Verfügung steht. Längst mühelos lässt sich mein Bandmaß mit den Händen straffen.

WurzelÜbel

Wenn ein Übel, das an der Wurzel sitzt, schon mal behandelt wurde und sich doch wieder einstellt, gibt es im Zahnfall noch eine zweite Chance: die Wurzelspitzenresektion. Heute Vormittag ließ ich sie geschehen, und sie scheint gelungen, denn neun Stunden später tut es nach intensiver Kühlung kaum noch weh. Die Alternative wäre die Entfernung des Zahnes gewesen. Das wollte ich unbedingt vermeiden, weil es sich um den Backenzahn handelt, den hintersten in der Reihe und in dieser Lage körperlich und seelisch bedeutsam: Er hält meinen Kauapparat zusammen und gibt mir das Gefühl, den unweigerlichen Körperverfall in dem Moment an dieser Stelle erfolgreich aufzuhalten.

Tagesnotizen

– Das Leben kann Spaß machen, aber es ist keiner.

– Das Grinsen des Uli Hoeneß sagt mehr (über uns) als alle Prozessberichte.

– Im reichen Industrieland Japan hausen drei Jahre nach Fokushima noch Hunderttausende der aus den verstrahlten Gebieten Evakuierten in würdeloser Armseligkeit.

– Die Ukraine zerfällt im Gezerre von Machtansprüchen, und die Menschen werden wieder mal nichts anderes tun (können), als ihre Enttäuschung mit den Fetzen zu bedecken, die übrig bleiben.

Mit diesem Eintrag öffne ich den Blog zu einer Plattform für Diskurse über Hunger und Tatendurst, Macht und Vermächtnisse, Lüste und Abscheu, Besitzgier und Atemnot … Kein Tagebuch der Selbstbeschau, sondern um der Balance willen (ohne die eine lebensfähige Zukunft unmöglich ist) rücksichtslos Krücken zertrümmernd: für ein selbstbestimmtes Leben aus dem Augenblick heraus.

Bandmaßanschnitt

Als Wehrpflichtiger tat ich kund, das übliche Bandmaß für die letzten 150 Tage nicht nötig zu haben. Hatte ich auch nicht in meiner damals komfortablen Rolle als Ghostwriter des Regimentskommandeurs, dem ich Teile seiner Diplomarbeit schrieb.2014-01-21_01 Leipzig, Bandmaßanschnitt

Heute genieße ich die Prozedur vor dem absehbaren Ende unfreiwilliger Arbeitszeiten und freue mich darauf, meinen belanglosen Arbeitsplatz endlich verlassen zu können und dann nur noch mir Wichtiges zu tun.