The Beat Goes On

Peter Madei: Was war heute vor 50 Jahren?

Ines Klitz: Samstag.

P.M.: Sie verblüffen mich immer wieder.

I.K.: Ich nehme mal an, da mussten Sie in die Schule?

P.M.: Vormittags.

I.K.: Und nachmittags?

P.M.: Gab es an diesem besonderen Tag im Ersten Deutschen Fernsehen zum ersten Mal den „Beat-Club“, live aus Bremen.

I.K.: Beatmusik im Fernsehen. Und darüber reden wir jetzt? Ernsthaft?

P.M.: Bleiben Sie locker. Es war damals etwas ganz Besonderes für mich und meinesgleichen. Es war sensationell, weil wir in der DDR unsere geliebten Bands und Sänger, deren Musik wir uns via Radio Luxemburg oder Deutscher Soldatensender täglich in die Ohren spülten, endlich zu Gesicht bekamen. Bis dahin kursierten in der Schule unter der Hand, besser gesagt unter der Bank, hin und wieder ihre Fotos, meist aus unerlaubt eingeführten „Bravo“-Zeitschriften abfotografiert. In Bewegung, in Aktion sahen wir sie im „Beat-Club“ zum ersten Mal.

I.K.: Und das hat Sie begeistert?

P.M.: Es war ein Glücksgefühl. Der „Beat-Club“ aller vier Wochen war so etwas wie heute die Legalisierung von Drogen. Für unsere Alten blieb es auch weiterhin Teufelszeug, aber sie wussten jetzt wenigstens, worüber sie sich aufregten. Wie in keiner anderen Sendung wurden auch Kameratricks und optische Effekte ausprobiert und von Sendung zu Sendung weiter entwickelt. Dazu präsentierte die attraktive Moderatorin Uschi Nerke an sich selbst neueste britische Mode, die mit Verzögerung unseren tristen Schulhof erreichte. Das hat ihn enorm aufgewertet.

I.K.: Ganz nebenbei auch die Trägerinnen, vermute ich mal.

P.M.: Hauptsächlich. In dieser Zeit fingen wir zu wetten an, wie lange diese Musik sich halten würde. Ich wettete mit Gerald Knappe, dem Beatfan Nummer Eins in unserer Klasse, um eine Kiste Sekt.

I.K.: Dass diese Musik unsterblich wird?

P.M.: Dass sie nach 30 Jahren niemand mehr spielt. Es ist die einzige Wette, die ich von Anfang an zu verlieren hoffte.

I.K.: Und die Sektkiste?

P.M.: Habe ich 1997 bei einem Klassentreffen übergeben. Das war dann keine große Sache mehr. In der DDR war Sekt ein teures Gut.

I.K.: Wie reagierten die Lehrer?

P.M.: Sie reagierten wie zu Hause, nur restriktiver. Lange Haare hatten die Anordnung eines Friseurgangs zur Folge. Wer sich nicht daran hielt, bekam Schwierigkeiten.

I.K.: Welche?

P.M.: Das weiß ich nicht, denn wir haben uns alle daran gehalten. Wichtiger war der „Beat-Club“, den sie nicht verbieten konnten, weil sie ihn ja selbst nicht gesehen haben durften. Er hat das Selbstbewusstsein gestärkt.

I.K.: Tatsächlich?

P.M.: Enorm gestärkt. Diese Sendung hat in mir ein Gefühl geweckt, mitten im Anfang von etwas Neuem zu sein. Aufbruch oder Ausbruch sind zu große Worte, aber ich spürte, dass inmitten eines Schreckensgleichgewichts, aus dem mancher Albtraum entstanden ist, etwas Besseres eine Chance hatte.

2 Gedanken zu “The Beat Goes On

  1. Tja, wie wahr. Aber jeder hat das individuell nuanciert erlebt und gefühlt.
    Anfangs nur die Deutschlankfunk-Hitparade, dann SFB und als Highlight BFBS Samstag ab 20:00 Uhr (der britische Soldatensender mit dem Neuesten vom Beat-Markt). Unvergessenes Erlebnis die Vorveröffentlichung der „Sergeant Pepper“-LP. Natürlich mitgeschnitten auf meinem Tonbandgerät (URAN). Diese Art der Musik war wie ein elektrischer Impuls, ein Aufbruch der Gefühle – die Verheißung einer anderen Welt.
    Dass dies nur eine Fassade war und ist, ändert nichts an der Urgewalt, die diese Art zu musizieren in uns auslöste.
    Die völlig sinnlose Art der DDR-Politiker, damit umzugehen, hat letztendlich auch zur Entfremdung der Jugend mit der Politik geführt.
    Meine Ikone für immer bleibt John – die Hymne für immer „Imagine“. Die Welttour von Paul McCartney (Life miterlebt und als Videozusammenfassung – mein Schatz) zeigte mir deutlich, dass die Empfindungen der Menschen weltweit die gleichen waren und sind.
    Diese Musik mit der Intuition von John auf breiterer Basis hätte unsere Welt nicht nur erträglicher gemacht (was sie ja erreicht hat), sondern auch tiefgreifender verändern können. Der BEAT-CLUB war unser Schaufenster zu den Ikonen die auf einem anderen Stern zu existieren schienen.
    H.J.K.

  2. Vielen Dank für die kreative Ergänzung! Ich war zuerst (sagen wir mal 25 Jahre lang) auf die Rolling Stones fixiert. Meiner Meinung nach waren sie in ihrem Affront gegen die Gesellschaft konsequenter. Viel später erst habe ich die Qualität von John Lennon wahrgenommen, die zu entfalten es offenbar Yoko Onos bedurfte. Von da an bis zu seinem erschütternden Ende hat er wie keine andere Gruppe diese Konsequenz ohne Theatralik oder selbstgefällige Pose ausgelebt. „Imagine“ ist natürlich eine sensationelle Nummer, der Menschheit sozusagen auf den Leib geschrieben. Ich kann mich aber ebenso auch für den Geniestreich „Instant Karma“ begeistern.
    P.M.

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