unbridled: Mick & Co.

Acht Jahre liegen zwischen „Shine a Light“ und „Havana Moon“, zwei Konzert-Filme mit den Rolling Stones. 73-72-75-69 (Mick-Keith-Charly-Ron) ist ihre aktuelle Alterskennung, Verwitterung ihr optisches Ausmaß, doch sobald Musik durch diese Körper strömt, sind es die vier lebendigsten der Welt.

Martin Scorsese, Jahrgang 1942, bei seinem elterlichen Background (Textilarbeiter war der Vater) eigentlich mit einer guten Sozialprognose, hat vor acht Jahren die Rolling Stones mit seinem mainstreamgeschädigten Filmverstand zu bändigen versucht. Das ist ihm gründlich misslungen, was so deutlich erst „Havana Moon“ ins Licht bringt.

Auch diesmal war mit dem Werbefilmer Paul Dugdale ein kommerzgeprägter Regisseur am Werk. Aber Dugdale versteht etwas von Musik und macht Scorsese‘s entscheidenden Fehler nicht: mit den Mitteln des Films die Magie der Musik in den Griff kriegen zu wollen. Nicht einmal Mick & Co. abzufackeln ist ihm 2008 mit seiner Heißlicht-Installation gelungen.

Dugdale vertraut der Musik und spürt mit seinen Kameras ein faszinierendes Ereignis auf, das im Nachhinein so überraschend gar nicht zustande kam an jenem 25. März 2016. In Havana auf Cuba. Unter einem leider knapp verfehlten Vollmond. Ohne einen sehr geschickt verfehlten Barak Obama. Der in jenen Tagen als guter Onkel in Havana einzog, um nach einer jahrzehntelangen erbärmlichen und arroganter Machtpolitik seines Landes ein mickriges Friedensfähnchen zu schwenken.

In „Havana Moon“ wird dem Kinobesucher spürbar, dass dort, in weiter Ferne, ein Ort gefunden wurde, an dem diese immer noch und immer weiter notwendige lebendige Musik in ihrer rigorosen Frontalattacke gegen ein nach wie vor und heute mehr denn je gefährliches System mit denen, die ihm scheinbar ausgeliefert sind, in hoffnungsvolle Resonanz geriet.

Niemand hat anderes erwartet, als dass den Stones Sympathie und Begeisterung wie eine warme Woge entgegen rollt. Aber es kommt hinzu, dass die Vier auf einmal ihren Grund, weswegen sie jahrzehnte auf Bühnen stehen, wieder – vermutlich seit langem mal wieder – vor sich haben und davon durchströmt werden wie von einem Lebenselixier. Da kann es dann geschehen, dass Mick Jagger (wie ein gewisser ‚Ausländer‘ namens Voland in einem gewissen Roman namens „Der Meister und Margarita“ auf einmal gediegen russisch) auf einmal fließend spanisch spricht.

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