ver-rückte Welt?

Die Welt um uns herum ist, wie sie ist, bleibt nie, wie sie ist und verändert sich ständig. ‚Ver-rückt‘ kann demnach nur unsere Wahrnehmung sein.

Zum Beispiel die des Bundesvorsitzenden der Bündnis-Grünen, Cem Özdemir, der heute Morgen, zwölf Stunden nach dem schrecklichen Geschehen auf einem Berliner Weihnachtsmarkt, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen den, wie es immer noch heißt, ‚mutmaßlichen‘ Anschlag kommentierte. Anstand forderte er von allen, die sich öffentlich dazu äußern. In dem Moment vor allem vom AfD-Vorsitzenden Nordrhein-Westfalens, einem Marcus Pretzell, der zuvor zitiert wurde: „Wann schlägt der deutsche Rechtsstaat zurück? Wann hört diese verfluchte Heuchelei endlich auf? Es sind Merkels Tote! Nizza. Berlin.“ So lässt er es mit einer Wirkung, die keiner ermessen kann, parallel in den sozialen Netzwerken kursieren.

Özdemir, der mich fatal an Janis Varoufakis erinnert – ein Protagonist all jener, die etwas verändern wollen, damit (für sich persönlich und für alle Zentraleuropäer) alles möglichst lange so bleiben kann, wie es ist –, Özdemir bemerkte gar nicht, dass sein angemahnter Anstand längst Heuchelei geworden ist in einer Umgebung, in einer Gesellschaft, die die Begriffe ‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘ wie Platzpatronen mit sich führt oder wie Hülsen für längst verschossenes Pulver? Eine Gesellschaft, die sich selbstverständlich (beim Wort ‚natürlich‘ sträuben sich meine Haare!) in den Mittelpunkt der Welt – der Welt? – rückt, während im gleichen Augenblick gleich Schreckliches mit viel mehr Opfern mindestens tausendfach auf der Erde geschieht – selbstverständlich weit entfernt von ‚unserem‘ Mittelpunkt. Ach so leicht zu übersehen, so leicht zu ignorieren deswegen!

Seit vor einigen zig Jahrtausenden der erste selbst-bewusste Mensch mitten in einer Welt der ganz natürlichen Veränderungen bemerkte, dass die Veränderungen unmittelbar um ihn herum, eventuell auch mit ihm zu tun haben könnten, wird nach Schuld und Schuldigen gesucht. Genau so lange werden sie unaufhörlich, selbstverständlich, gefunden. Je schneller, deso besser. Je lebendiger, wie Bundesinnenminister Thomas de Maiziére heute Morgen zum Besten gab, desto besser. Denn dann lässt sich viel zügiger ermitteln – nur was? Und umso trefflicher strafen – mit welchem Ziel? Zu welchem Zweck?

Wer ist nun Schuld an den Berliner Weihnachtsmarkt-Toten? Ein Krimineller? Ein Verzweifelter? Ein Irrer? Ein religiös Verirrter? Was ist mit den Weihnachtsmarkt-Ver-rückten? Mit den Brauchtums- und Traditionsversessenen? Mit den leichtsinnigen und übermütigen Wohlstandbürgern hierzulande? Mit mir? Mit einem von allen guten Geistern verlassenen Weihnachtsmann?

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