„Victoria“

Selten hat mich ein Film so überrascht: Weil ich von mehreren vorab gelesenen und gehörten Besprechungen die eine, die ihm gerecht wird, überlesen habe. Sie ist von Michael Eckhardt und steht im aktuellen Leipziger Kinomagazin. Den fiktiven Bankraub im Berliner Milieu mit der technischen Finesse einer einzigen Kameraeinstellung wollte ich einfach nur gesehen haben.

Überrascht war ich zuerst, als einziger Alter inmitten junger Leute bis U 30 zu sitzen. In ihrer Umgebung wurde mir schnell klar, dass dieser Film von der ersten Minute an funktioniert. Allerdings holt er sein Publikum nicht ab, um es mit einer x-beliebigen Geschichte ins Irgendwo zu transportieren, sondern lässt es bei sich und bewegt sich in dessen Welt. Dort erzählte er seine Geschichte und so, wie es großen Erzählern gelingt: Er lässt sie nicht mehr aus den Fingern und bringt sie erbarmungslos auf den Punkt. Fassbinder wäre stolz, ihn gemacht zu haben.

Der Film spielt nicht mit seinem Publikum, sondern nimmt es, auch in der schönsten Leichtigkeit (denn in jungen Jahren ist das Leben auch in größter Kümmernis immer wieder wunderbar leicht) verdammt ernst. So läuft das Spiel im Film und der Spielfilm im Leben, und ich ahne, dass die fünf jungen Leute, um die es geht, ihm so wenig entrinnen können wie die Zuschauer. Ich spüre, wie er mich in sich hineinzieht wie in ein Schwarzes Loch. Wollte ich ihm entkommen, machte ich mich nur lächerlich.

Trotzdem, und das ist kein Widerspruch, hoffe ich die ganze verdammte Zeit, dass mir das bittere Ende erspart bleibt. Dass es nicht ganz so bitter wird. Während der Film mir vor Augen führt, dass das Privileg der Jugend, Zeit zu haben, Zeit für sich und vor sich zu haben, mit der Halbwertszeit der herrschenden Verhältnisse unwiderbringlich verloren geht. Ohne erhobenen Zeigefinger oder geknickten Blick sehe ich, dass es so wie bis jetzt nicht weitergehen kann, und wenn es weitergeht, dann nur in anderen Verhältnissen. Darum geht es in diesem Film und nicht um Diskosmog und Abhängen und Banküberfall und Verfolgungsjagd. Es geht nicht um das Wiederherstellen von Ordnung, sondern um das Ende von Ordnung.

Sebastian Schipper (ein Achtundsechziger, weil 1968 geboren!) schafft einen Film zum Erwachsen werden aber nicht wie die Erwachsenen, ein Werk, das vielleicht ein Meisterwerk ist. Er erzählt eine Geschichte ohne Schwachpunkte, die schlüssig ist und der zuletzt fassungslosen und still entsetzten Schaugemeinde lange Zeit sogar Vergnügen bereitet. Das kann doch nicht sein? Dass es so ausgeht? Es kann. Das ist doch nur ein Film? Ein ausgesprochen guter. Das ist doch nicht mein Leben? So lange ich die Welt nicht ändere. Sogar Romantik kommt darin vor und bleibt erstaunlich unversehrt im erschreckenden Drumherum. Aber was ist sie dann noch wert?

In unserer Scheindemokratie von den meinungsbildenden Medien unisono als gelungener technischer Gag gefeiert (um auf Wesentliches nicht eingehen zu müssen?), erweist sich der Echtzeitdreh aus nur einer Perspektive als kongeniales Mittel, die fatale Lage der Protagonisten abzubilden. So werden Gesichtsfelder manipuliert. So werden Aussichten alternativlos. So liefern wir uns der Gesellschaft aus. So werden wir von ihr gebraucht, statt Zuwendung zu empfangen, von Zuneigung ganz zu schweigen. So werden wir Teil eines Ablaufs, den wir für schicksalhaft halten und leisten, ohne es zu merken, unseren Beitrag für eine erbärmliche Zukunft – oder eben keine.

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