Sichtweisen III

Die blaue Blume der Romantik – welchen Empfindsamen hat sie nicht irgendwann betört? Soll sie aber bestimmt werden, herrscht Unsicherheit vor. Nicht alle Romantiker sind pflanzenkundig! Novalis, der mit dem Blütenblau Sehnsucht, Liebe und das metaphysische Streben nach dem Unendlichen verband, sprach vom blauen Heliotrop. Das ist eine Gattung der „Sonnenwenden“ mit einem doldenähnlichen Blütenstand. Doch bei einer „hohen lichtblauen Blume mit breiten, glänzenden Blättern“ beließ Novalis es nicht. „Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft“, schrieb er in seinem „Heinrich von Ofterdingen“. Ist das nicht eine schöne, demokratische Konsequenz, diese Rückwirkung des Symbols auf ihre Artgenossen? Zum Beispiel auf die leuchtende Krone der Kornblume. Oder auf die kesse Rosette der Wegwarte, der man im Altertum und Mittelalter Zauberkraft zuschrieb? Oder der hauchzarte Becher der Glockenblume, die, unhörbar für Menschen, läuten soll, wenn Feen sich versammeln.

Alice ohne wunderland

liest du das, sei unbesorgt
bin gern draußen vor der tür
smartphone hab ich ausgeborgt
schreib dir jetzt und warte hier
auf dich oder eine s-m-s
mach dir aber keinen stress
tür und fenster sind zwar dicht
und mein schlüssel liegt dahinter
doch ich steh‘ im lampenlicht
und noch lange ist kein winter
bis ich die geduld verlier‘
bist du hoffentlich bei mir

Angefroren haftet ein Herz-Blatt auf frostigem Untergrund. Zufällig auf ihn gefallen? Für ein Foto dort abgelegt, in eine eisige Geometrie? Es ist ein Arrangement, das die Kälte an sich genommen hat, um an Rändern entlang erwachsen zu werden und eine Zierde für alle Ewigkeit. Mit dieser Aussicht lockt sie meinen Verstand ins Verzücken, während jedes Gefühl in mir erstarrt. Bin ich Kai? Wofür soll das gut sein außer für den vollkommenen Augenblick, vollkommen frei von Sehnsucht und Wärme? Für welchen Aggregatzustand der Phantasie? Aber da kommt meine Königin in ihrem wirbelnden Gefolge und nimmt mir, schmerzhaft sanft, das Heft mit dem Blatt mit dem Blatt aus der Hand und lächelt mir zu, dass es knistert unter den Schläfen und mein Blut die Gerinnung probt, während ich in ihrem Schoß nach Bedeutung suche.

Die Ecke eines Raumes scheint ihn vollständig zu enthalten, wie ein Hologramm. Ich muss den Rest nicht sehen, um seine Beschaffenheit zu spüren und darin vorhandene An- und Abwesenheiten. Es zeigt vielleicht am deutlichsten die Fotografin. Von ihr und ihrer Bedeutung für mich ist in den drei mal vier Texten immerfort die Rede gewesen. Aus jedem Blickwinkel, in jeder Ansicht hat sie sich immer wieder in mir abgebildet und Worte hervorgerufen. So ist ein zweifaches Portrait entstanden, in einem Licht, das nicht von Kerzen kommt.